Frau R.O. schrieb in meiner XING-Gruppe „Stil & Etikette“:
Am gestrigen Abend: Pures Erschrecken!! Was soll man dazu sagen… Da suggeriert einem das Fernsehen, dass das perfekte Dinner ein 3-Gänge-Menue mit 3,4,5 (?) wildfremden Personen ist. Und die 5 Minuten des Sehens haben gereicht um mich nachdenklich zu stimmen: wann ist ein Dinner perfekt??? Wie zeichnet sich das aus?? Wie viele Gänge beinhaltet ein perfektes Dinner - sind es vielleicht 5?? Natürlich ist es eine relativ subjektive Frage, da auch schon mal ein normales Abendessen unter bestimmten Umständen als “perfektes Dinner” durchgehen kann…
Aber was meinen Sie dazu? Wann ist ein Dinner perfekt?
In Vorfreude auf ein reges Engagement,
R. O.
Darauf antwortete Frau K. innerhalb der Gruppe am selben Tage:
Hallo Frau O.,
interessant, Ihr Beitrag! Umso mehr, als diese Sendung in meinem Bekanntenkreis auch erstaunlich kontrovers diskutiert wird.
Mir persönlich ist ein gelungener Abend wichtiger als ein perfektes Dinner. Gelungen ist ein Abend(essen) dann, wenn sich alle Gäste und die Gastgeber darüber freuen, dass sie ZUSAMMEN diesen Abend verbringen konnten. Je nach Erwartungshaltung der Gäste kann der Grund dafür
- eine spannende Diskussion
- ein unglaublich gutes Essen
- eine herrlich laue Sommernacht
- ein spontan angesetztes gemeinsames Singen
oder vieles mehr sein.
Meines Erachtens ist ein wirklich “perfektes” Dinner kein angenehmes Dinner mehr. Ich denke da z.B. an Staatsempfänge.
Der Ansatz der Sendung “Ein perfektes Dinner” ist ein Wettbewerb unter Gästen und Gastgebern. Das Zusammensein wird sich also niemals wirklich angenehm gestalten. Und Perfektion kann höchstens der Gastgeber erlangen, nicht das Dinner, das ja wiederum vom Zusammenspiel aller Anwesenden lebt.
Sonnige Grüße aus Oberbayern
L. K.
Die Diskussion setzte sich bis heute fort . . . Meine Meinung zum „Perfekten Dinner“ im Fernsehen (17. Januar 2010):
Was ist ein „perfektes Dinner”? Kann ein Dinner überhaupt perfekt sein? Ist ein Staats”empfang” ein Dinner (Vordiskutantin)? Und ist ein Staatsbankett per se steif? Kann etwas Geschmackloses “perfekt” sein?
Das sind alles Fragen, die hier aufgeworfen wurden.
Ich gehe mal davon aus, dass Menschen, die sich mit Stil und Etikette befassen, also die Mitglieder dieser Gruppe, das “perfekte (Fernseh-) Dinner” als geschmacklos ansehen. Das fängt beim Outfit der Teilnehmer an, setzt sich häufig beim gedeckten Tisch fort und gipfelt in den Tischmanieren der Beteiligten. Ich muss allerdings zugeben, dass ich erst ein einziges Mal eine Folge gesehen habe und allein daraus meine Eindrücke herleite. Ich habe mir seinerzeit vorgenommen, diese Sendung nie wieder anzuschauen. Diesem Vorsatz bin ich treu geblieben.
Trotzdem oder gerade deshalb würde ich gerne mit Ihnen über die oben aufgeworfenen Fragen diskutieren. Denn ich habe im vorigen Jahr eine Reihe von Tischgesellschaften gegeben, für die ich nicht das Prädikat “perfekt” aber doch die Wertung “so muss es laufen” in Anspruch nehmen möchte. Solche abendlichen Tischgesellschaften plane ich auch für dieses Jahr, sobald ich mein Vorhaben verwirklicht habe, nämlich ein klitzekleines Hotel übernommen haben werde.
Die gute Abendgesellschaft zum Dinner beginnt mit einem Drink im Stehen. Die Gäste, die zum Beispiel zu 19:30 Uhr eingeladen sind, treffen zwischen 19:35 und 20 Uhr beim Gastgeber ein. Der Gastgeber stellt jeden neuen Gast bzw. jedes Paar allen schon eingetroffenen Gästen vor, soweit sie sich nicht schon untereinander kennen. Jedenfalls begrüßt jeder jeden, und deswegen ist dieser ca. 30- bis 45-minütige Empfang auch grundsätzlich ein Stehempfang. Neben Wasser wird entweder ein Glas Sekt oder Champagner, eventuell ein Long-Drink, ein Sherry und/oder ein Glas Südwein angeboten. Gegen Ende dieses Vorabempfangs, wenn alle Gäste da sind, ergreift der Gastgeber kurz das Wort, nicht, um eine Rede zu halten. Das macht er später während der ersten Menüpause. Vielmehr begrüßen der Gastgeber oder die Gastgeberin, kurz bevor man sich zu Tisch begibt, die Gäste mit einer Kurzansprache, in welcher der Gastgeber gegebenenfalls noch ein paar “Regieanweisungen” gibt, wie etwa, dass man nun ins Nebenzimmer zum Essen gehe, dass die Herren sich um Ihre Tischdamen bemühen mögen, dabei verweist er auf den ausliegenden Sitzplan oder auf die auf der Kommode stehenden Tischführungskärtchen, und dass der Kaffee und der Digestif nach dem Essen zum Beispiel wieder in diesem Raum oder auf der Terrasse eingenommen würden.
Zu einer guten Tischgesellschaft gehört, dass der Gastgeber einen Dresscode festgelegt hat, nach welchem sich die Gäste bei der Wahl ihrer Garderobe richten. Das kann “smart casual” sein, dann tragen die Herren zum Beispiel im Sommer einen Popeline-Anzug und ein gutes Hemd mit offenem Kragen (ohne Krawatte), oder sie erscheinen in dunkelblauem, im Sommer auch im hellen Blazer, ebenfalls mit offenem Hemd und entweder einer grauen wollenen oder einer beigen Baumwollhose oder guten Jeans. Dazu, wie immer abends, schwarze Lederschuhe und Strümpfe, die dunkler sind als die Hose, im Zweifel schwarz.
Der Dresscode kann genauso heißen “Dunkler Anzug oder Blazer”. Da brauche ich nichts zu erklären. Der Dresscode kann natürlich auch heißen “Smoking” oder “Sommeranzug” oder “casual” ohne ’smart’, dann genügt das Polohemd. T-Shirts und Sandalen sind allerdings nie passend. Die Damen kleiden sich entsprechend. Der Dresscode wird nur für die Herren angegeben, die Damen wissen, was dazu passt.
Zum einigermaßen perfekten Dinner gehört auch, dass jeder Gast bzw. jedes Gastpaar etwas mitbringt. Das sind häufig Blumen, die man übrigens auch vorausschicken kann, was als besonders vornehm, weil gegenüber der Dame des Hauses höflich, wirkt. Das kann natürlich auch ein Buch, eine Flasche Champagner, ein Kistchen Wein oder etwas sein, was die Pfeifensammlung des Hausherrn ergänzt.
Zurück zum Ablauf. Am Ende des Begrüßungsempfangs bitten die Gastgeberin oder der Gastgeber in der oben erwähnten Form zu Tisch, und bei Tischgesellschaften ab 10 Personen stehen Tischkärtchen (an beiden Seiten beschriftet) mit dem Namen des jeweiligen Gastes über jedem Gedeck, denn es ist Sache der Einladenden, eine Tischordnung (Placement) festzulegen.
Die Damen setzen sich, die Herren bleiben höflicherweise stehen, bis die letzte Dame sitzt, und das Essen kann beginnen. Über das Essen selbst brauch’ ich nichts zu schreiben. Dass sich die Gastgeberin und der Gastgeber bemühen, etwas Wohlschmeckendes zuzubereiten, versteht sich von selber. Das gilt auch für die Weine, die neben dem immer vorhandenen Wasser gereicht werden.
Nette Gäste sind den Gastgebern mit lässiger Selbstverständlichkeit beim Servieren, Einschenken und Abräumen behilflich, und nette Gäste unterhalten sich mit ihren Nachbarn, insbesondere mit ihrer (rechts neben dem jeweiligen Tischherrn sitzenden) Tischdame gut.
Bei einer einigermaßen perfekten Tischgesellschaft ergreifen der Gastgeber oder die Gastgeberin nach dem ersten Gang das Wort, und einer von ihnen steht auf und hält eine Tischrede. Dieser Tischrede “antwortet” der Ehrengast (beim klassischen Placement ist das der Tischherr der Gastgeberin) nach dem zweiten Gang mit einer Dankesrede für die Gäste.
Der Café und der Digestif werden erst beim dritten Teil der Tischgesellschaft (erster Teil ist der Begrüßungsempfang im Stehen, zweiter Teil ist das eigentliche Essen), nämlich beim sich dem Essen anschließenden “gemütlichen Teil im Sitzen und Stehen” (After-dinner-get-together), je nach Lust und Laune, eingenommen.
Noch ein Wort zum Staatsbankett: Gutes Benehmen und Höflichkeit sind nur steif bei Menschen, die es nicht können. Der kultivierte Mann lässt seine gute Erziehung nie raushängen, vielmehr geht er lässig damit um. Dann aber ist gutes Benehmen wohltuend und charmant. Ich hatte einmal die Gelegenheit, Gast eines Staatsbanketts zu sein. Bundespräsident Herzog hatte den portugiesischen Staatspräsidenten und dessen Frau zum Galadiner ins Schloss Bellevue eingeladen. Nichts war daran steif. Ich habe selten so ein lustiges Abendessen mit witzigen portugiesischen Offizieren an meinem Tisch in prunkvollsten Paradeuniformen erlebt. Das Einzige, was an dem Essen steif war, war die hölzerne Rede unseres Bundespräsidenten, der peinlicherweise - im Gegensatz zu seinem portugiesischen Pendent, der das in Bezug auf Deutschland beredt tat, das Gastland auch nicht mit einem einzigen Wort lobte.
Zurück zum “Perfekten (Fernseh-) Dinner”: Alles, aber auch wirklich alles, was ich hier beschrieben habe und was ganz erheblich zum guten Gelingen, zum Amüsement und zum Genuss einer guten abendlichen Tischgesellschaft beiträgt, findet bei den lächerlichen Fernsehshows nicht statt. Es sind peinliche und ärmliche Zeugnisse von Unkultur.
Ihr Uwe Fenner.
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