Geht es um den Gebrauch korrekter Umgangsformen sind selbst Menschen, die sich gemeinhin als höflich und gesellschaftsfähig betrachten, in Fragen der Etikette und des Stils oft nicht auf dem neuesten Stand. Und das, obwohl der richtige „Benimm“ im Berufsleben immer öfter über die Karriere und den Erfolg entscheidet. Um herauszufinden, wie es um die eigenen Kenntnisse bestellt ist und wie diese gegebenenfalls erweitert und aktualisiert werden können, bietet ein Business-Knigge Seminar den richtigen Einstieg in die Welt des guten Benehmens. Einer der bekanntesten Seminarleiter Deutschlands ist Uwe Fenner. Der Berliner Volljurist und Unternehmensberater sorgt seit Jahren dafür, daß Arbeitnehmer aus allen hierarchischen Ebenen den nötigen „Feinschliff“ bekommen. Seine Schulungen zu den Themen “Guter Stil und Tischetikette”, “Kundenevents richtig nutzen” und “Stilvoll und effektvoll verhandeln“ geben Interessierten das nötige Rüstzeug an die Hand, um zukünftig keine gesellschaftlichen Fettnäpfchen und Fallstricke mehr fürchten müssen.
procontra online: Guten Tag, Herr Fenner. Wie wichtig ist neben der fachlichen Qualifikation eigentlich die soziale Kompetenz eines Arbeitnehmers?
Uwe Fenner: Mittlerweile ist sie fast wichtiger. Beim Einstieg in einen Beruf ist natürlich die fachliche Qualifikation die wichtigste Vorraussetzung. Je höher man jedoch in der Hierarchie steigt, desto mehr verschiebt sich dieser Zustand zu Lasten der fachlichen und zu Gunsten der sozialen Faktoren, der so genannten Soft Skills.
procontra online: Das bedeutet doch im Umkehrschluss, dass selbst anfänglich Branchenfremde ihre mangelnde fachliche Qualifikation im Laufe der Zeit durch ihre Social Skills wettmachen können. Stimmt das?
Fenner: Wenn sie führen können, ist das immer von Vorteil. Das Fachliche wird natürlich von vielen Unternehmen noch vorausgesetzt, aber es wird teilweise etwas überschätzt. Ein gutes Beispiel hierfür ist Herman-Josef Lamberti, der erst im Vorstand von IBM saß und dann zur Deutschen Bank gerufen wurde. Ähnlich verhält es sich in der Politik. Heute noch Entwicklungsminister und morgen schon Wirtschaftsminister. Hier geht es nur darum, ob jemand führen kann. Entscheidend sind die soziale Kompetenz und der Umgang mit den Menschen. Die fachlichen Inhalte bearbeitet dann sowieso ein Stab hervorragend ausgebildeter Spezialisten.
procontra online: Wie kann ich meine soziale Kompetenz verbessern?
Fenner: Durch Übung und Erfahrungen. Oft sind Negativ-Erfahrungen, die lehrreichsten. Wenn ich spüre, dass es mir ein paar Mal nicht gelungen ist, meine Mitarbeiter zu erreichen, dann muss ich mich fragen, ob ich mich richtig verhalte. Natürlich habe ich dann die Möglichkeit Seminare zum Thema „ Wie führe ich richtig“ zu besuchen oder mich weiterbilden zu lassen. Das Entscheidende hier ist vor allem, bin ich authentisch? Authentizität ist ein ganz wichtiger Faktor. Das bedeutet jetzt nicht, dass man sich gehen lassen soll. Es heißt, seine Ideen zu verwirklichen, sich treu zu sein und dennoch auf alle Beteiligten einzugehen. Selbstdiziplin spielt dabei eine große Rolle. Und Ehrlichkeit. Macht bedeutet auch immer, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Das ist korrektes Verhalten und guter Benimm.
procontra online: Nach diesem allgemeinen Einstieg über die Bedeutung der sozialen Kompetenz in der Berufswelt, komme ich nun zu ganz konkreten Fragen des guten Stils und der Etikette.
Wie wichtig ist die richtige Begrüßung?
Fenner: Erst einmal ist es wichtig überhaupt zu begrüßen. Viele Menschen kommen in einen Raum und stellen sich dann einfach zu einer Gruppe und warten darauf das jemand den Anfang macht. Es ist natürlich immer einfacher, auf Menschen zuzugehen, die man bereits kennt. Aber selbst hier sollte man, wenn es die Gruppenstärke von ca. 15 Personen nicht übersteigt, jeden einzelnen begrüßen. Meist geschieht dies ja mit einem freundlichen Wort und einem Handschlag.
Die Begrüßung hat auch viel mit dem Naturell einer Person zu tun. Präferiere ich eher den höflichen, distanzierten Stil, so kann ich eine Gruppe auch in ihrer Gesamtheit ansprechen. Guten Morgen, meine Herren, dann wollen wir gleich mal zu Tagesordnungspunkt eins übergehen… ist hier beispielsweise eine gängige Variante. Bevorzuge ich den persönlicheren Kontakt, so wähle ich die Begrüßung mit Handschlag und dem Namen jedes einzelnen Teilnehmers eines Seminars oder einer Mitarbeiterrunde. Bei externen Personen würde ich immer zur persönlichen Begrüßung raten. Innerbetrieblich kommt es darauf an, wie sich der allgemeine Verhaltskodex gestaltet. Beide Varianten sind gängig und gleichermaßen korrekt.
Die richtige Begrüßung bleibt eben auch unter Beachtung der einfachsten Regeln der Höflichkeit immer eine ganz persönliche Entscheidung. Es gilt jedoch stets zu beachten, dass Ranghöhere im Unternehmen immer den Stil, bzw. die Nähe oder Distanz der Begrüßung vorgeben. In der Arbeitswelt heißt das ganz konkret: nicht der Auszubildende streckt dem Chef die Hand entgegen, sondern der Chef beginnt die Begrüßung. Eine einfache hierarchische Gliederung. Anders verhält es sich jedoch außerhalb des Business, im Rahmen einer Gesellschaft beispielsweise. Dann wird die Frau immer vor dem Mann und das Alter vor der Jugend begrüßt. Herren im meinem Alter neigen jedoch stets dazu, die Dame auch im Business bevorzugt zu behandeln.
procontra online: Meist sind es ja schon Kleinigkeiten, die mangelnde Kenntnisse im Bereich der Etikette und der Kommunikation entlarven. Auf den Gebrauch welcher allgemein als höflich geltender Floskeln sollte ich zukünftig auf jeden Fall verzichten?
Fenner: “Angenehm”. Sollte man niemals sagen. Wenn wir einander vorgestellt werden und Sie sagen, Guten Tag, mein Name ist Dina Herrler und ich antworte mit “Angenehm, Uwe Fenner”. Das geht gar nicht. Ging es noch nie. Außerdem sollte man sich selber nie mit Guten Tag, ich bin Herr Schmidt oder Herr Doktor Schmidt oder ähnliches vorstellen. Der Vor- und Zuname reichen. Der feine Herr bezeichnet niemals sich selber als Herr. Wenn ein Doktor oder Professorentitel bekannt ist, wird ihr höfliches Gegenüber ihn sicherlich in die Begrüßung einfließen lassen. Unbedingt zu erwähnen in der Anrede sind natürlich Titel wie Herr Ministerpräsident oder Herr Staatssekretär. Wenn man einmal nicht weiß, wie jemand korrekt angesprochen wird, oder wenn man einen Namen vergessen hat, sollte man keine Scheu haben höflich nachzufragen. Gutes Benehmen bedeutet auch Fehler zu korrigieren und aus ihnen zu lernen. Sollte man sich einen Namen oder Umstand partout nicht merken können, hilft auch ein kleiner Merkzettel in der Innentasche des Jackets. Denn ein drittes oder viertes Mal wird niemand gerne nach seinem Namen oder seiner Funktion gefragt.
procontra online: Wie verhält es sich mit Floskeln wie “Gesundheit” oder “Guten Appetit” zu Beginn einer gemeinsamen Mahlzeit? Sagt man das noch?
Fenner: Was heißt hier noch? Diese Begrifflichkeiten waren noch nie richtig vornehm. Wenn einer Körperlichkeiten von sich gibt, dann übergeht man das einfach. Allenfalls entschuldigt sich derjenigen, der die Geräusche von sich gegeben hat. Das ist eigentlich nichts Neues. Nur die Diskussion darüber ist neu.
“Guten Appetit” ist nicht mehr als eine bürgerliche Sitte. Sagen Sie mal in einer vornehmen Gesellschaft oder im Adelskreis zu Beginn eines Dinners “Guten Appetit”. Ist einfach nicht überall üblich. Guten Appetit können Sie in der Kantine oder im Familienkreis sagen. Gutes Benehmen bedeutet auch immer, die Gepflogenheiten der Runde zu beachten. Durch Allüren aufzufallen oder sich einen Sonderstatus anzumaßen, ist das Gegenteil guter Manieren. Es geht hier um eine feine Form der Anpassung.
procontra online: Da der Smalltalk für den Einstieg in eine Unterhaltung mit Unbekannten unerlässlich ist, würde mich interessieren, welche Themen sich für einen gelungen Smalltalk eignen, und welche ich auf jeden Fall vermeiden sollte.
Fenner: Smalltalk.
Was ist denn Smalltalk überhaupt für ein Wort? Wenn meine Mutter früher von einer Gesellschaft kam, und ich fragte sie, wie der Abend gewesen sei, dann antwortete sie gelegentlich, insbesondere wenn es langweilig gewesen war: „Ach nichts Besonderes, nur Smalltalk:“
procontra online: Der Smalltalk ist doch aber wichtig, um eine erste Begegnung zu ermöglichen…
Fenner: Sie haben ja Recht. Aber dieses schreckliche Wort..
procontra online: Welche Themen bieten sich denn nun an?
Fenner: Wichtig ist es, einen Bezug zu schaffen zur Situation. Das kann auch ganz profan mal das Wetter sein, wenn man zum Beispiel nass geworden ist. Der Bezug kann auch der gerade gemeinsam erlebte Vortrag sein, über dessen Inhalte man sich noch einmal austauschen möchte. Das ist guter Smalltalk. Extrem erfolgversprechend sind auch Komplimente. Komplimente kann man nie genug machen. Denn obwohl der andere weiß, daß man vielleicht ein wenig zu dick aufträgt, freut er sich dennoch und fühlt sich geschmeichelt. Ein glücklicher Gesprächspartner ist auch immer ein offener Gesprächspartner.
procontra online: Da wir ja nicht nur verbal, sondern auch nonverbal miteinander interagieren, würde mich interessieren, wie ich meine Körpersprache nutzen kann, um als höflicher und interessierter Mensch wahrgenommen zu werden. Oder anders herum, was sollte ich auf keinen Fall tun?
Fenner: Das Wichtigste ist auch hier wieder, authentisch zu sein. Ich muss mich dem Gesprächspartner widmen. Ihn ansehen, mich einfühlen, zuhören. Ich kann mich mit verschränkten Armen hinsetzten und Ihren Ausführungen mit einem gelegentlichen Nicken folgen und ansonsten in die Luft gucken. Oder ich höre Ihnen aktiv zu, stelle Zwischenfragen, reagiere mimisch und gestisch auf ihren Vortrag. Ehrliche Anteilnahme ist hier unerlässlich. Diese Ehrlichkeit und das Interesse überträgen sich automatisch auf die Körpersprache. Die Spannung und Energie, die Sie durch das aktive Zuhören ausstrahlen, überträgt sich dann auch auf ihren Gesprächspartner, den Sie so bereits ohne wirklich etwas gesagt zu haben, von ihrer Stärke und Kompetenz überzeugen können. Seien Sie enthusiastisch, haben Sie Freude daran, ihrem Gegenüber zu signalisieren, dass Sie ihn oder sie verstehen und miterleben, was er oder sie Ihnen erzählt.
procontra online: Was kann ich tun, wenn ich zwar gerne zuhöre, aber nicht wirklich gerne vor vielen Menschen referiere? Wie kann ich meine Körpersprache nutzen, um dennoch zu überzeugen?
Fenner: Das ist nur durch ständiges Üben möglich. Als erstes sollten Sie das richtige Stehen üben. Und lernen Sie, die Hände für den Vortrag zu gebrauchen. Benutzen Sie die Hände nicht, um ein Manuskript oder ihre Aufzeichnungen zu umfassen. Halten Sie die Hände grundsätzlich dann auf Höhe der Körpermitte, wenn Sie sie nicht gerade zur wirksamen Unterstreichung Ihres Gesagten zur Gestikulation einsetzen. Lassen Sie ihre Arme nicht schlaff herunterhängen oder vergraben sie die Hände in den Hosentaschen. Stellen sie Blickkontakt her. Am besten lassen Sie ihren Blick wandern und fixieren immer wieder Einzelne. Damit erreichen Sie alle im Raum. Bereiten Sie sich inhaltlich gut vor, dann können Sie ihren Vortrag genießen und mögliche Varianten ausprobieren. Benutzen Sie nur Stichworte, freies Sprechen ist unerlässlich, wenn Sie mit dem Auditorium in Kontakt bleiben wollen.
procontra online: Ich habe unser Gespräch sehr genossen. Aber wie beende ich ein unangenehmes oder konfliktreiches Gespräch, ohne mein Gegenüber vor den Kopf zu stoßen?
Fenner: Hier ist Diplomatie gefragt. Ist dem Ende des Gesprächs eine Meinungsverschiedenheit vorausgegangen, so konzentrieren Sie sich auf die wenigen Gemeinsamkeiten und finden Sie einen weichen Ausklang. Sagen Sie statt „mit Ihnen kann man ja nicht reden“, lieber „in Zukunft sollten wir uns auf die Themen beschränken, die uns verbinden.“ Seien Sie ruhig ehrlich, wenn Ihnen der Verlauf eines Gespräches nicht gefällt und Sie es beenden möchten. Vermeiden Sie jedoch ihrem Gegenüber die eigene Meinung wie einen nassen Waschlappen um die Ohren zu hauen. Wir neigen sehr schnell dazu, eine Situation, die entgegen unserer Erwartung verlaufen ist, mit einer Schuldzuweisung zu versehen und uns mit negativen Gefühlen zu befrachten. Das ist gar nicht nötig. Es ist besser weniger zu werten und neutraler zu agieren. Wenn Ihr Gesprächspartner Ihnen vielleicht sogar zustimmt, dass dieses Gespräch nicht optimal verlaufen ist, haben sie bereits den ersten Schritt aus der Unbehaglichkeit gemacht. Jetzt können Sie das Gespräch entspannt verlassen oder sogar unter neuen Vorzeichen und zu einem anderen Zeitpunkt wieder aufnehmen.
procontra online: Leider ist unser Gespräch nun am Ende angelangt, Herr Fenner.
Ich danke Ihnen für Ihre Zeit und die vielen interessanten Denkanstöße.