Herr O.S. aus Berlin schrieb mir am 15. Januar 2009
Sehr geehrter Herr Fenner,
Ihr Stilblog stellt eine wirkliche und sehr effektive Bereicherung für einen angenehmen Umgang miteinander dar.
Erlauben Sie mir bitte, Ihnen auch eine Frage zu stellen. Leider ist die Frage weniger konkret, als mehr allgemein:
Wie gehe ich denn mit meinem “guten Benehmen” innerhalb “rustikaler Runden” um und wie kann ich meine Mitmenschen dafür begeistern ohne Gefühle des “Nervens” zu ernten.
Aufgrund meiner Identität und auch meiner persönlicher Einstellung finde ich Freude an feinem Verhalten in jeder Lebenslage. Diese Auffassung und insbesondere die Umsetzung kollidiert zunehmend mit dem Verhalten vieler Leute, die ich gerade hier in Berlin alltäglich treffe.
Ich freue mich auf Ihre Antwort.
Mit freundlichen Grüßen
O. S.
Meine Antwort am 27. Januar 2009
Sehr geehrter Herr S.,
Ein wichtiges Gebot des guten Stils ist, sich der jeweiligen Situation und dem jeweiligen Kreis angemessen anzupassen. Das bedeutet niemals, dass Sie Ihre guten Sitten vergessen und sich auf das niedrige Niveau von ruppigem Verhalten, ungehobelter Sprache, hässlichem Kleidungsstil und proletigem Essensgebaren herab begeben sollen.
Aber Sie müssen sich zum Beispiel nicht bei jedem neu in die Baubude eintretenden Handwerker erheben, müssen nicht beim Richtfest vor jedem Schluck Bier, den Sie aus dem Humpen nehmen, Ihren Mund mit der (vermutlich gar nicht vorhandenen) Serviette abwischen, müssen sich nicht jedem zufällig in Ihrer Nähe stehenden mit Ihrem Namen vorstellen usw.
Sie sollten aber auch in solchen Kreisen dezent Ihre gute Erziehung walten lassen: Sie sprechen nicht mit vollem Mund. Sie behalten beim Händeschütteln und überhaupt beim Grüßen nicht die linke Hand in der Tasche. Sie unterbrechen Ihre Gesprächspartner nicht, auch diejenigen nicht, die Sie möglicherweise vorher unterbrochen haben.
Auch in „rustikalen Kreisen“ brechen Sie sich auch keinen Zacken aus der Krone, wenn Sie einer weiblichen Person die Tür aufhalten und in den Mantel helfen. Meistens ernten Sie einen dankbaren Blick oder ihre an ihren Mann leicht vorwurfsvoll gerichtete Bemerkung, „siehste Karl, so wie der Herr S. das macht, so macht man das!“
Herzlichst,
Ihr Uwe Fenner
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Joachim Düssel Uwe Fenner Dr. Ronald G. Münzer
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