Benimm-Boom zur Gründerzeit

Juni 6, 2005

Benimmregeln historisch
Folge 4

Benimm-Boom zur Gründerzeit

Die Gründerzeit des Kaiserreichs brachte einen wahren Boom im Erscheinen von Benimmbüchern. Der industrielle Innovationsschub brachte eine neue Klasse von Menschen hervor. Die Fabrikanten und Geschäftsleute, die den Umbau Deutschlands vom Agrar- zum Industriestaat bewältigten, machten materiellen Besitz zum wichtigsten Kriterium der Klassifizierung eines Menschen anstelle von Stand und Adel. Viele „Neureiche“ und „Schlotbarone“ waren schnell in die Lage gekommen, den Lebensstandard zu leben, der vorher nur im Adel und im alteingesessenen Bildungsbürgertum üblich war. Sie verfügten aber noch nicht über das notwendige Benimm-Know-how, um in der guten Gesellschaft eine gute Figur abzugeben. Eine Flut von einschlägigen Benimmbüchern war die klare Reaktion auf diesen Mangel.

Individuelle Visite, Begrüßen, Tischetikette und Bekleidungsfragen dominierten auch damals als Ratschläge in den einschlägigen Benimmbüchern von Constanze von Franken, Ernst von Hagen und Albert Hohenwart, der auch auf die Vermeidung von Peinlichkeiten bei jungen Damen achtete: „Den Hund spazieren führen, ist für eine junge Dame kein geeignetes Geschäft. Auch der wohlerzogenste Hund kann sie in unangenehme Situationen bringen (Albert Hohenwart, „Form und Takt“, um die Jahrhundertwende).

Herzlichst, Ihr Uwe Fenner
Benimmregeln historisch
Folge 4