Benimmregeln historisch
Folge 5
Bewerber entdecken Benimm als soft skill
Zwischen den Weltkriegen gewannen erstmalig neben dem Adel und den Unternehmern und neben den gutbürgerlichen Selbständigen auch erstmals die heterogene Gruppe der Angestellten ein Gewicht im Kreis derer, die für sich guten Stil und Etikette in Anspruch nahmen oder zumindest sich dafür interessierten. Viele von ihnen wurden - was für Parallelen zur unserer Zeit - aufgrund der wirtschaftlichen Instabilität der Weimarer Zeit zu „Stehkragenproletariern“. Schon damals wurden bei Bewerbungen diejenigen bevorzugt, die „nett wirken“ - und dazu gehören natürlich die guten Manieren. Kein Wunder, dass in jener Zeit Benimmbücher boomten. „Kavalier und Dame“ (Ullstein) und Cornelia Knopps „Der gute Ton von heute“ (Beyer, beide 1928) sind Zeugnisse dieser Epoche.
Die Nazis hassten das Bürgertum und den Adel, den es ja nur noch als Namensbestandteil gab, sowieso. Dennoch zogen Hitler und seine Gesinnungsgenossen bei den Premieren in Bayreuth den Frack an und schürten damit den Verdacht, dass die Beherrschung eines Restbestandes von Benimm auch in der Herrenmenschen-Welt der Nazis für das eigene Fortkommen nicht so schlecht sein könnte. Eine praktische Anweisung, wie eigentlich nationalsozialistisches Benehmen auszusehen hätte, gab es nicht. „Der BdM-Rock schließt das Abendkleid nicht aus und ebenso wenig der Frack das Braunhemd“, so lautete die Anweisung in Constanze von Frankes 1937 wieder aufgelegtem Benimmbuch, Daneben ermahnten andere Bücher, etwa das von Carl Schütte im Jahr 1934 veröffentlichte,: „Sein Führer ist ihm (dem jungen Nationalsozialisten) ein Vorbild in Mäßigkeit und Einfachheit. Ein Hitlerjunge und ein Hitlermädel murrt und knurrt nicht, wenn der Eintopf-Sonntag da ist.“
Herzlichst, Ihr Uwe Fenner
Benimmregeln historisch
Folge 5








