Bilder der Liebsten

März 3, 2009

Sehr geehrter Herr Fenner,

es interessiert mich sehr, was Sie zu der Sitte sagen, seine “Liebste oder seinen Liebsten” als Foto auf dem Schreibtisch im Büro zu haben. Alte Herren hatten das früher ja so, aber es fängt inzwischen auch bei jungen, nicht mal Abteilungsleitern an, ich bin der Meinung, privat und geschäftlich muss getrennt sein, wie sehen Sie das? Ich spreche nicht vom Büro des Vorstandes sondern der Sekretärin, des Sachbearbeiters etc…

Danke schon jetzt für Ihre Antwort und freundlichen Gruß

C. H.

Meine Antwort:

Sehr verehrte Frau H.,

namentlich in größeren und großen deutschen Unternehmungen, in welchen die Arbeitsprozesse stark strukturiert und normiert sind, ist eine zunehmende Sehnsucht nach Individualisierung zu beobachten. Der „Sachbearbeiter Bestandskunden“ etwa und die „Sekretärin des Bereichsleiters Finanz- und Rechnungswesen“ möchten nicht nur einen Arbeitsplatz haben, an dem auch jeder andere Angehörige des Unternehmens sitzen könnte. Wovon wir in den Zeiten der New Economy geträumt und es probiert haben, dass man beispielsweise für 100 Mitarbeiter eines Beratungsunternehmens nur 50 Computerplätze brauche, hat selten die Realität erlangt. Die Idee war, dass bei den vielen auf Reisen, in Urlaub und im Krankenbett befindlichen Kollegen, jeder, der in die Unternehmung zum arbeiten kommt, sich „seinen“ kleinen Rollcontainer mit seinen bevorzugten Schreibutensilien und der neulich angebrochenen Kekspackung an irgendeinen x-beliebigen Computerarbeitsplatz rollt, der gerade frei ist, sich in diesen einloggt und dort sein Pensum abarbeitet, bis ein Kollege, vielleicht aus einer ganz anderen Abteilung, mit seinem Rollcontainer ihn ablöst. Die völlige Anonymisierung des Arbeitsplatzes. Menschlicher Kontakt zu den Kollegen, die dieselbe Sache bearbeiten, nur per Intranet und Email. Was der Arbeitsplatznachbar macht, weiß ich gar nicht; das ändert sich sowieso jeden Tag. Die Vision vom computervernetzten Arbeiten ohne direkten Kontakt. Das Arbeiten findet zu Hause, auf Reisen und eben an einem beliebigen Computerplatz im Firmenbüro statt, aber im Büro zwingend nur dann, wenn dort noch am selben Tag Meetings angesetzt sind. Die Idee klang überzeugend, ist aber eine Utopie geblieben. Der Mensch möchte nicht nur seine eigenen unverwechselbaren vier Wände als Wohnung, sondern auch seinen individuellen Platz bei der Arbeit haben. Mitarbeiter in niedrigen Rängen individualisieren ihre Arbeitsplätze manchmal, indem sie schreckliche Wasserlilien auf das Fensterbrett neben ihrem Schreibtisch stellen und die „lustigen“ Urlaubskarten vom Ballermann an die Wand heften. Vorstände zeigen gerne den Beweis ihrer „political correctness“, indem sie Ehefrau und Kinder in Edelholz- und Silberrahmen auf den Schreibtisch stellen oder die Primitivgemälde ihrer Babys hinter demselben an der Wand aufhängen, auch und gerade wenn sie längst ein Verhältnis mit einer anderen Dame ihres Herzens eingegangen sind. Dass Mitarbeiter niedrigerer Ränge es nunmehr ihren mit diesem Beispiel vorangehenden Vorgesetzten gleich tun wollen, ist ihnen meines Erachtens nicht zu verdenken und noch weniger zu verbieten.

Das öffentliche Zurschaustellen seiner persönlichen Beziehung galt früher nur als peinlich. Dem öffentlich Händchen-haltenden Paar schaute man als wohlerzogener Zeitgenosse nicht zu. Und man machte es ihm nicht nach, wenn man älter war als 22 Jahre. Politiker, die als volkstümlich gelten wollen, bedanken sich vor der TV-Kamera bei ihrer (dritten oder vierten) Frau öffentlich für die Unterstützung im Wahlkampf und bekommen dafür ständig Ovationen. Warum eigentlich vor der Kamera? Warum müssen sie so ordinär die Gefühle, die das Fernsehpublikum von ihnen, wie sie es sich erhoffen, wünscht, öffentlich machen? Bei meinem Vater stand ein Äskulapstab mit der berühmten Natter als Kerzenständer in seinem ärztlichen Ordinationszimmer. Ich habe niemanden in meinem Leben näher kennen gelernt, der seine Frau, also meine Mutter, so verehrt und geliebt hat wie er. Aber dieses seinen Patienten und der Arzthelferin sozusagen öffentlich zu zeigen, das hatte er nicht nötig.

Leider sind es eben doch meistens die Chefs, die mit schlechtem Beispiel und mit nicht immer vorbildlichem Handeln voran gehen. Ich kenne allerdings auch einige, die ihr sonst meist langweiliges Chefzimmer mit einem eigenen bemerkenswerten Barockschrank oder mit einem alten englischen Schreibtisch oder mit eigenen guten Kunstwerken verschönt haben.

Meine Antwort auf Ihre Frage ist: Wenn ich als Chef ein schlechtes Beispiel gebe, dann darf ich mich nicht wundern, dass meine Mitarbeiter es in ihrer Art ähnlich machen. Bekanntlich stinkt der Fisch zuerst am Kopf.

Herzlichst,

Ihr

Uwe Fenner

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