Sehr geehrter Herr Fenner,
auf diesem Wege möchte ich Ihnen ein gesundes, neues Jahr wünschen und mich nochmals für Ihre E-Mail bedanken. Mit Ihren ausführlichen Ausführungen zum Thema “Begrüßung” hatten Sie mir sehr weitergeholfen! Zu diesem Thema habe ich allerdings nochmals eine Frage an Sie:
wie schon erwähnt, lebt mein Bruder in dem Haus meiner verstorbenen Oma. Den großen Garten hierzu genießen alle Familienmitglieder, d. h. in der Zeit, wo mein Bruder Arbeiten ist, machen meine Eltern und ich dort die Gartenarbeit und genießen auch schon ‘mal die Sonne! Schwerpunkt: unentgeltliche Gartenarbeit. An den Wochenenden oder an Feiertagen werden wir natürlich nicht in den Garten gehen! Aber das nur nebenbei erwähnt! Zurück zu meiner Frage: angenommen meine Eltern sind im Garten und mein Bruder kommt von der Arbeit, dann ist es logisch, dass er meine Eltern begrüßt. In welcher Reihenfolge hat aber seine Freundin, wenn sie dann zu einem späteren Zeitpunkt hinzukommt, die “Anwesenden” (sprich: meine Mutter, mein Vater und mein Bruder = ihr Freund) zu begrüßen? Als erstes meinen Bruder, weil er ihr Freund ist oder doch eher meine Mutter, da sie eine Frau ist, dann meinen Vater und zum Schluss meinen Bruder? Leider weiß ich hier NICHT die Antwort (aus dem Bauch heraus würde ich die zweite Variante wählen, d. h. meinen Bruder zum Schluss).
In der Hoffnung auch hier eine Antwort von Ihnen per E-Mail zu erhalten, verbleibe ich
mit freundlichen Grüßen
D. A.
Uwe Fenners Antwort:
Sehr verehrte Frau A.,
Ihre Vermutung ist richtig.
Bei der Reihenfolge bei Begrüßungen muss zwischen zwei Situationen unterschieden werden:
Erstens: Der neu zu der bereits anwesenden Gruppe Eintretende kennt alle, auf die er trifft - das ist ja in Ihrem Beispielsfall gegeben - , dann grüßt er in der Reihenfolge „der Würde“ bzw. der Rangigkeit.
Anders, als nach der Verfassung in unserem demokratischen Einheitsbrei, nach welcher alle Menschen gleich sind (Artikel 3 Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland), erkennt die gute Gesellschaft durchaus Unterschiedlichkeiten bei den Menschen an. Diese Unterschiedlichkeiten manifestieren sich
· Durch das Geschlecht - Damen nehmen in der Regel einen höheren Rang ein -,
· Durch das Alter - die/der Ältere ist höherangig als die/der Jüngere,
· Durch die Würde, ausgeprägt vielfach aufgrund der Herkunft (Adel, gute alte Familie), aufgrund der beruflichen Stellung
(der Bundespräsident ist höherrangig als ein Abteilungsleiter im Wirtschaftsministerium), des Ansehens und der
allgemeinen Wertschätzung (ein Olympiasieger, ein berühmter Schriftsteller, eine Schauspielerin werden als höherrangig
angesehen, als Herr Krause aus der Nachbarschaft),
· Und schließlich eventuell sogar durch die persönliche Ausstrahlung einer Person.
Der Ranghöhere genießt immer Vorrechte, die allerdings die Dame von Welt und der feine Mann niemals einfordern. Im Gegenteil: Kultivierte Menschen von Rang treten, insbesondere bei leicht entstehenden Rangkonflikten stets bescheiden zurück.
Solche Rangkonflikte gibt es natürlich dauernd: Wer ist ranghöher? Die junge hübsche Dame, weil weiblich, oder der erheblich ältere, mit Erfahrung und Würde ausgestattete Herr?
Meine Antwort dazu ist: Das muss man jeweils abwägen. Der kultivierte ältere Herr wird der jungen Dame die Ehre geben. Diese wird bescheiden dem älteren Herrn die Höherrangigkeit überlassen. Das bekannte Beispiel ist die Tür, der sich dieses ungleiche Paar nähert. Die junge Dame ist höflich und beschleunigt angesichts der in einigem Abstand sichtbaren geschlossenen Tür ihren Schritt, um diese kurz vor Eintreffen ihrer älteren männlichen Begleitung zu öffnen, sie offen zu halten und dem älteren Herrn mit einer entsprechenden Handbewegung oder mit den Worten, „nach Ihnen“, den Vortritt zu gewähren.
Der höfliche Herr seinerseits freut sich über diese Geste, nimmt sie freilich jedoch nicht an, geht also nicht an der jungen Frau vorbei durch die Tür, sondern ergreift seinerseits hinter dem Rücken seiner höflichen jungen Begleiterin den Türflügel, hält ihn fest und weist mit den Worten, „aber ich bitte Sie, nach Ihnen natürlich!“, der Dame den Weg und lässt keinen Zweifel, dass er diesen Wettstreit ritterlich gewinnen wird, worauf sich die Dame dann auch „huldvoll“ und dankend einlässt.
Im Beruf, im Business hat die schleichende Emanzipation der Frau Schritt für Schritt in die Richtung einer Gleichrangigkeit der Geschlechter geführt. Insbesondere bei jüngeren Business-Leuten ist für die Rangfolge allein die berufliche bzw. hierarchische Stellung maßgebend. Im Verhältnis Anbieter – Kunde ist der Kunde immer König, also höherrangig.
Um auf den geschilderten Fall von Frau A. zurück zu kommen:
Würde sich diese Begegnung im Business abspielen, hätte der neu in die Runde Eintretende die schon Anwesenden in der Reihenfolge nach ihrem beruflichen Rang zu grüßen. Das gilt übrigens nur für kleinere, rasch überschaubare Gruppen. Trifft dagegen ein neu Hinzutretender eine große Schar von Menschen, sieben oder acht oder mehr, an, und kennt er alle, so kann er den nächst Erreichbaren zuerst grüßen und dann der Reihenfolge nach, wie die Umstehenden am besten erreichbar sind. Es ist eher albern, bei größeren oder gar großen Gesellschaften nach Rang zu begrüßen. Als Ausnahme gilt, dass es höflich ist, die Gastgeberin, das Geburtstagskind, den Firmenchef zuerst zu begrüßen, wenn er sofort erreichbar ist. Sonst grüßt man bei größeren Gesellschaften so lange der Reihe nach, bis man die Hauptperson sieht, entschuldigt sich bei den noch nicht Begrüßten kurz mit den Worten, „oh, da ist ja das Geburtstagskind, da muss ich natürlich erstmal hin, ich komme gleich noch zu Ihnen!“, und begrüßt nunmehr die Hauptperson.
Im gesellschaftlichen Leben hätte der neu in die Runde Eintretende bei kleineren Gesellschaften, wie im von Frau A. geschilderten Fall, nach der gesellschaftlichen Rangordnung zu grüßen, wenn er alle kennt. Also zuerst geht er zur Mutter, begrüßt diese in der in der Familie gewohnten Art, meist wohl mit einem Küsschen, in konservativen Familien, insbesondere in Gegenwart von Familienfremden auch manchmal - dann wie alle anderen Damen selbstverständlich - mit einem artigen Handkuss. Der danach zu Begrüßende ist der Vater wegen Alterswürden, erst danach kommt die eigene Freundin, auch Sie, Frau A., kämen noch vor der Freundin dran. Denn die Dame von Welt und der feine Mann nehmen sich nicht nur stets selber bescheiden zurück, sondern sie beziehen - sich darin mit ihrem/r jeweiligen Lebensgefährtin/en völlig einig - ihren Lebenspartner vornehmerweise in dieses Verhalten des sich Zurücknehmens, der Bescheidenheit stets und ohne Ausnahme mit ein.
Die neuerlich häufige Zurschaustellung der öffentlichen Bevorzugung der eigenen Frau, insbesondere im Fernsehen, ist zwar namentlich bei Politikern sehr beliebt. Sie wollen damit offenbar die heute eher nicht mehr selbstverständliche Achtung ihrer Partnerin populistisch abgeschmackt beweisen. Das haben die Dame von Welt und der feine Herr nicht nötig. Sie beweisen sich im täglichen Miteinander ihre Liebe. Jedes Zurschaustellen derselben ist unfein und eher unkultiviert. Natürlich ist es jedem gestattet, seiner Lebenspartnerin und seinem Lebensgefährten auch in der Öffentlichkeit seine Liebe zu beweisen, aber niemals, wirklich niemals auf Kosten anderer, das heißt, man bevorzugt stets die/den Andere(n), wenn Situationen anstehen, die eine Entscheidung, etwa, „zuerst meine Frau oder erst der Gast“, erfordern.
Nun kommt noch Zweitens: Das ist der nicht nachgefragte Fall, dass der neu Eintretende auf eine (kleine) Runde trifft, von der er nicht alle Personen kennt. Wer ist nun zuerst, sodann und zuletzt zu grüßen? Und wie? Nehmen wir also an, in dem Garten von Frau A.s Großmama befinden sich neben den genannten Personen noch ein weiteres, ebenfalls eher betagtes Ehepaar, nach erster Einschätzung Gäste des Hauses, welche die Freundin des Bruders noch nicht kennt. Wie verhält sie sich nunmehr richtig?
Sie wird wiederum zunächst die (ihr bekannte) Mutter ihres Freundes grüßen, eventuell, wenn dieser genau daneben steht, auch den Vater, sonst aber gleich mit dem Gruße der Mutter zu dieser sagen, „oh, ich sehe, es ist Besuch da, wie schön! Würdest Du (würden Sie - je nachdem) mich bitte den Gästen vorstellen?“
Nunmehr stellt die Mutter dem Gästeehepaar die neu eingetretene Freundin des Sohnes etwa mit den Worten vor, „ach Anneliese und Karl, das ist übrigens die Freundin meines Sohnes (die Freundin von Peter - je nach Freundschaftsgrad), Frau Yvonne Himmelblau“, und zur neu eingetretenen Freundin des Sohnes, zu Frau Himmelblau gewendet und gleichzeitig auf das Gästeehepaar mit der Hand deutend: „Yvonne, das ist ein mit uns seit Langem eng befreundetes Ehepaar aus Lübeck, Herr und Frau Weitgereist!“
Erst danach begrüßt Freundin Yvonne Himmelblau gegebenenfalls den abseits stehenden Vater, danach Sie, Frau A., und wiederum zuletzt den ihr am nächsten stehenden Lebensgefährten.
Fazit: Man geht als Neuankömmling nicht ohne Weiteres auf fremde Menschen zu, wenn man aus der Runde einen oder mehrere Menschen kennt, die eine Vorstellung übernehmen kann/können; denn die bessere Vorstellung ist immer die Vorstellung durch eine Person, die beide, die noch miteinander unbekannt sind, sich aber begrüßen wollen, kennt.
UWE FENNER
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