Frau G. E. schrieb mir am 30. April 2009:
Sehr geehrter Herr Fenner,
die Tochter unserer guten Fee wird am Wochenende als Konfirmandin vor Ihre Kirchengemeinde treten. Es ist für mich ein würdiger Anlass und eigentlich auch in gebührendem Rahmen, je nach den eigenen Möglichkeiten, zu feiern. Abgesehen davon, dass ich es sehr bedauere, dass bei solchen Festen bei den jungen Menschen eher die Geschenke im Vordergrund stehen und das, was alles von dem geschenkten Geld gekauft werden kann, und viele sich der Würde des Tages nicht mehr so ganz bewusst sind, habe ich nun eine Frage an Sie und möchte gerne wissen, wie Sie nachfolgendes Geschehen aus Ihrer Sicht beurteilen: Während eines Ausfluges aller Konfirmanden wurde mit dem Pastor ein “Deal” gemacht. Jedes Mädchen, das zur Konfirmation einen Hut trägt, bekommt von dem Pastor 50,00 Euro. Über derartigen Handel bin ich sehr empört, zumal sich nun herausstellt, dass 9 Mädchen einen Hut tragen werden und der Pastor von seinem Gehalt nun mutmaßlich 450,00 Euro an die behüteten Mädchen zahlen soll. Gefühlsmäßig würde ich nun behaupten, dass es unschicklich ist, als Konfirmandin mit Hut in der Kirche aufzutreten. Ebenso empfinde ich es als nicht zulässig, dem Pastor so viel Geld abzunehmen, zumal eine Konfirmandin schon in der Lage sein sollte, Ernst und Albernheiten zu unterscheiden. Es ist mir leider nicht bekannt, wie die Mädchen ein derartiges Versprechen dem Pastor entlockten, aber ich fände es nun sehr unschicklich, dieses Geld anzunehmen. Mir würde es schon helfen, von Ihnen zu erfahren, ob ein Hut bei einer Konfirmandin in der Kirche der Etikette entspricht. Die Mutter der Konfirmandin erwähnte bereits, dass die Hüte beim Abendmahl abgenommen werden sollten.
Über eine Antwort freue ich mich.
Mit freundlichem Gruß
G. E.
Meine Antwort:
Sehr verehrte Frau E.,
grundsätzlich ist zum Thema “Hut in der Kirche” zu sagen, dass sich diese Sitte bei Kirchenfesten zumindest bei den Damen einer gewissen Renaissance erfreut.
Früher gehörte der Hut bei Herren wie auch bei den Damen zum selbstverständlichen Bestandteil der Ausgehkleidung (ebenso wie übrigens auch die Handschuhe). Bei besonderen kirchlichen Feiern, wie Hochzeiten, Taufen und Konfirmationen bzw. Kommunionsfeiern trugen die Herren (tagsüber) zu ihrem offiziellen Morgenanzug, dem Cutaway, den Bieberhut-Zylinder, nicht den auch unter dem Namen Chapeau-claque bekannten zusammenschiebbaren Seidenzylinder; denn der gehörte zum abendlichen Frack. Die Damen trugen meistens größere, zum Großteil schwarze Hüte, die häufig einen schwarzen Schleier, ein schwarzes Netz vorne hatten, damit nicht ihre Freuden- oder Trauertränen sichtbar wurden, derentwegen sie sich sonst geschämt hätten. Später, vor und nach dem ersten Weltkrieg wich der Zylinder teilweise auch dem Bowler (der Bombe) oder dem “steifen Hut” (dem Homburg), dessen Krempe, ebenso, wie die des Bowlers ringsum nach oben gebogen und steif ist. Die Hutgewohnheiten der Damen änderten sich kaum, allerdings sah man lange Zeit keine Schleier, die neuerdings bei Trauergottesdiensten und Beerdigungen wieder sichtbar sind. Die Hut-Mode insgesamt geriet zwischenzeitlich ein bisschen in Vergessenheit.
Heute sieht man zu besonderen Ereignissen in der Kirche, insbesondere bei Hochzeiten bei den Herren kaum noch irgendeine Kopfbedeckung. Bei den Damen dagegen ist die Hutmode, gerade bei Kirchenfesten wieder schwer im Kommen. Je feiner (und adeliger) die Hochzeit, Taufe oder Trauerfeier, desto mehr Damen zeigen Hut. Die Damenhüte sind dabei außerordentlich phantasievoll und wieder häufig sehr groß und werden generell nicht vom Kopf genommen. Die Herren dagegen würden ihren Hut, wenn sie denn einen trügen, bei Betreten der Kirche abnehmen und in der Hand halten und erst beim Verlassen der Kirche wieder aufsetzen.
Was nun die Konfirmandinnen betrifft, so habe ich eine entsprechende Hutsitte noch nicht beobachtet. Ich halte es allerdings für möglich und vor dem Hintergrund des Come-backs der Damenhut-Mode bei Kirchenfesten auch für konsequent, dass die jungen Mädchen, oder besser gesagt, die jungen Damen - denn als solche sind nunmehr ja die Konfirmandinnen zu bezeichnen - ebenfalls “behütet” in die Kirche gehen, wenn sie das möchten und wenn es zu ihnen und ihrem übrigen Outfit (Kleid und eher nicht der Hosenanzug) passt.
Den Hut bei der Eucharistiefeier abzunehmen, sehe ich als albern an. Zumindest, wenn die jungen Damen sich durch ihr Kleid (wenn sie denn eines tragen) und Ihre zur Schau getragene “Damenhaftigkeit” bewusst von ihren männlichen Festgenossen unterscheiden und an diesem Festtag gerade nicht die Emanzipations- und Gleichheitsrolle mit dem Mann spielen wollen.
Nur beim Manne gilt das Abnehmen des Hutes als Respektsbezeugung, egal, ob vor dem Gruß eines anderen Menschen, beim Eintritt in ein Haus oder auch gerade in ein Gotteshaus.
Ihre weitere Frage betraf den “Hut-Deal” mit dem Pfarrer. Den sollten die jungen Damen weitgehend rückgängig machen. Da hat sich der Pfarrer offenbar zu einem Versprechen hinreißen lassen, welches nicht von gutem Augenmaß gekennzeichnet ist. Die Damen sollten ihm sagen: “Wir reduzieren Ihre Wett-Schuld auf fünf Euro pro Hut, und die werfen wir selbstverständlich am Tage unserer Konfirmation in den Klingelbeutel“.
Vielleicht telefonieren Sie mit den anderen Müttern in diesem Sinne.
Viel Glück!
Herzlichst,
Ihr
Uwe Fenner
Institut für Stil & Etikette
Flensburger Straße 28, 10557 Berlin
Mobil +49 (0) 171 – 380 24 21
Email u.fenner@fenner.de - Internet http://www.institut-fuer-stil-und-etikette.de
NEU: die Lifestyle- und Karrierecommunity von Uwe & Christian Fenner:
http://www.knigge-und-karriere.de - ..upgrade yourself!
Mein neues Buch:
ERFOLGREICH MIT STIL - Der Knigge für alle Lebenslagen (inkl. internationaler Business-Etikette) von Uwe Fenner.
Erschienen bei Linde International, Wien. ISBN 978-3-7093-0251-4.
343 Seiten, Ladenverkaufspreis in Deutschland: Euro 29,-. Ihre Bestellung leite ich gerne weiter. Sie bekommen das Buch dann mit Rechnung von der Berliner Buchhandlung „Berlin Story“.








