Das Brot mit welcher Hand?

Juli 24, 2009

Frau K. L. fragte mich am 23.07.2009:

Nun möchte ich doch mal eine “Benimm”-Frage stellen, wenn Sie erlauben:

mein Mann erklärt meinem Sohn häufig, dass er doch bitte seine Stulle mit der linken Hand essen möge. Seine Begründung dabei ist, wenn jemand an den Tisch herantritt hätte er eine schmutzige Hand und könne nicht anständig guten Tag sagen.

Ich denke: 1. gehört es sich nicht essende Menschen zu stören, also muß man auch keine Hand frei halten zum guten Tag sagen. 2. halte ich diese Maßnahme nur dann für sinnvoll, wenn die Erklärung z.B. lauten würde, dass man üblicherweise mit rechts ans Glas greift und man dieses eben nicht mit Fettfingern verunreinigen darf. So kenne ich das z.B. vom Hühnchenessen, dabei ist ja ebenfalls eine Hand zum Huhn-anfassen erlaubt, die andere fürs Getränk sauber zu halten.

Was meinen Sie?

Liebe Grüße und ich freue mich, dass ich nun endlich mal einen Grund gefunden habe, Sie um Rat fragen zu können :-)

K. L.

Meine Antwort:

Liebe Frau L.,

der feine Mann und die Dame von Welt brechen sich stets nur so ein kleines Bröckchen Brot ab, welches sie, nachdem sie nur dieses Bröckchen mit Butter oder Marmelade bestrichen und gegebenenfalls auch mit einem kleinen Scheibchen Lachs oder Wurst belegt haben, im Ganzen in den Mund befördern können.

Das Praktische dieser Methode:
1. keine Essensreste zwischen den Frontzähnen, die durch das Abbeißen dort möglicherweise hängen bleiben;
2. Keine Fettfinger, wenn man das kleine, zu bestreichende Brotstückchen in die linke und das Streichmesser in die rechte Hand nimmt.
3. Auch die linke Hand bleibt fettfrei, wenn man sich nicht gerade die Finger mit Butter einstreicht. Das sollte man üben.

Der kultivierte Mensch steht auf, wenn ein anderer sich dem Tisch nähert und sich mit an diesen setzen möchte, um Letzterem “Guten Tag” zu sagen, gleichviel, ob das Zuspätkommen des Anderen von diesem eine Unhöflichkeit darstellt, weil er zu spät gekommen ist, oder vom schon am Tisch Essenden, weil dieser vorzeitig mit dem Essen begonnen hat.

Regel 1: Kultivierte Menschen beißen nicht ihr Brot ab.

Regel 2: Menschen, mit denen man zusammen an einem Tisch isst, begrüßt man auch, und zur Begrüßung steht man auch auf.

Herzlichst,

Uwe Fenner

Lieber Herr Fenner,

nun, diese ausführliche Antwort ist sehr lehrreich!

Offen bleibt nun aber die Frage, wie dies im Alltag mit 3 kleinen Kindern am Tisch zu handhaben ist. Die deutsche Familienkultur lässt ja nun geschnittene Stullen auf den Teller wandern, ist das nicht ein bisschen … eklig, wenn man sich davon Teile abbricht? Meine Großeltern haben früher sogar geschmierte Stulle mit Löffel und Gabel gegessen, fällt mir dabei ein. Fällt das unter “kultiviert”?

Ansonsten ist das ein hübscher Anreiz mit unseren Kindern zu üben. Unser 5jähriger ist ja nun gerade im Alter, in dem man mit Messern zurechtzukommen sucht. Die Kleineren eher nicht, da ist von Kultur nicht viel zu spüren, wenn die fast 2jährige sich freudestrahlend den Quark von der Stulle leckend im Gesicht verteilt - aber süß ist es trotzdem. ;-)

In diesem Sinne seine Sie herzlichst bedankt,

Ihre K. L.

Meine 2. Antwort:

Sehr verehrte Frau L.,

Eltern wären nicht Eltern, wenn sie nicht alle merkwürdigen Handlungen ihrer Kleinen süß fänden.

Nicht mit Löffel und Gabel, sondern mit Messer und Gabel haben wir unsere Wurst- und Schinkenbrote verzehrt und tun das heute noch so. Bei Käse und sowieso bei Marmelade würde ich aber zu der Bröckchen-abbrech-Methode raten. Das hat Stil, und die Finger bleiben sauber. Es hat also durchaus eine sehr reale hygienische Komponente. Und wenn Sie es den Kindern demonstrativ vormachen, tun sie’s Ihnen eines Tages ganz automatisch gleich.

Das Phänomen der guten Erziehung besteht in unseren Zeiten, in denen die Erwachsenenwelt von der Form- und Stillosigkeit der 68er geprägt ist, darin, dass die Erwachsenenwelt es nicht gelernt hat, weil deren Eltern in vielen Erziehungsanliegen vor der öffentlichen (ablehnenden) Meinung kapituliert haben.

Jetzt ist “Benimm wieder in”, und viele junge Leute sehen in Stil und Etikette so ein ähnliches Fach wie Physik oder Erdkunde. Letztlich ist es gar nicht so verkehrt, es ist Sozialkunde. Es ist die Lehre vom Umgang miteinander. Und wer da vorbildlich ist, der gewinnt im Leben.

Herzlichst,

Ihr Uwe Fenner.

Institut für Stil & Etikette
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