Herr N. fragte am 31.05.2008:
Sehr geehrter Herr Fenner!
Aufgrund diverser Recherchen bin ich auf Ihre Homepage aufmerksam geworden, und konnte daraus Erkenntnisse und Ratschläge für Stilfragen in den unterschiedlichsten Situationen ziehen. Dafür möchte ich mich schon ganz herzlich bedanken, dass Sie Ihre detaillierten und praxistauglichen Empfehlungen der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Nun möchte ich Ihnen gerne ein persönliches Anliegen vortragen, in der Hoffnung, von Ihnen nützliche Tipps zu einem stilgerechten Verhalten zu erhalten.
Zu meiner Situation:
Meine Freundin hat sich erst vor kurzem von Ihrem Mann getrennt. Da wir uns sehr lieben und bereits unsere gemeinsame Zukunft planen, möchte sie mich auch in absehbarer Zeit in ihre Familie einführen und mich als neuen Lebenspartner im Hause der Eltern vorstellen. Die
Mutter hat bereits Kenntnis von mir, kennt mich auch von Fotos und “brennt” buchstäblich darauf, mich endlich kennen zu lernen.
Da der Mann meiner neuen Lebensgefährtin sehr in die Familie integriert war, bin ich mir, je länger ich über dieses bevorstehende Treffen nachdenke, darüber im Klaren, dass mir das gehörige Maß an Handlungssicherheit fehlt. Zum einen möchte ich mich angemessen
präsentieren, um auch - schon allein meiner Freundin wegen - akzeptiert zu werden, zum anderen möchte ich auch nicht zu offensiv erscheinen, da ja bekanntlich der erste Eindruck zählt. Meine Frage bezieht sich nun auf den Ablauf der Zusammenkunft als Ganzes,
angefangen von der passenden Garderobe, über Auftreten, bis hin zu etwaigen Gastgeschenken.
Ich bin mir bewusst darüber, dass meine Fragestellung einen sehr komplexen Sacheverhalt in sich birgt, hoffe allerdings dass Sie mir nützliche Ratschläge zu einem stilsicheren Verhalten geben können.
Ich bedanke mich bereits für Ihre Mühen,
mit besten Grüßen,
Ihr
M. N.
Meine Antwort am 17.06.2008:
Sehr geehrter Herr N.,
wichtige Begegnungen sollten gründlich vorbereitet werden. Wie ein guter Gastgeber als umsichtiger Regisseur seiner eigenen Veranstaltung diese genau vorbereitet und unmerklich „leitet“, so wird auch ein nach Erfolg strebender Besucher seinen Besuch in einer Art „Eigenregie“ vorab durchdenken. Er wird alle Phasen der Begegnung nutzen, um den Eindruck zu hinterlassen, den er sich als bleibenden Eindruck bei den Gastgebern wünscht. Dabei ist, wie stets in Fragen von Stil und Höflichkeit, alterozentriertes Denken gefragt. Der Besucher wird seinen Auftritt so planen, wie sich der Besuchte dies mutmaßlich wünscht.
Deswegen muss man sich als erstes fragen: Was sind das für Menschen, denen ich mich vorstellen möchte? Ihre Schilderung, wie herzlich die Familie Ihrer Freundin „Ihren Vorgänger“ aufgenommen hat und wie die Mutter Ihrer Freundin darauf drängt, Sie endlich kennen zu lernen, lässt ja den Schluss zu, dass in der Familie Ihrer Freundin eine herzliche Atmosphäre anzutreffen ist. Nun schließt Herzlichkeit keineswegs eine gute Form aus. Das denken viele. Das ist aber falsch. Menschen mit Stil und Lebensart zeichnen sich dadurch aus, dass sie gute Manieren mit Herzlichkeit verbinden. Nur das ist wirklich guter Stil.
Sie müssen sich von Ihrer Freundin viel erzählen lassen. Sie sollte Ihnen sagen, wie es in ihrem Elternhaus zugeht. Sie wird Ihnen vermitteln können, was ihre Eltern anzuziehen pflegen, wenn Besuch erwartet wird. Es kommt sicher auch darauf an, wann der Besuch stattfinden soll. Ist er an einem Werktag am Abend geplant? Trägt der Herr Papa im Büro Anzüge und erscheint so auch am Abend zuhause? Oder ist er schon im Ruhestand und bevorzugt eher „casual look“ in Kleiderfragen. Was hält der Vater Ihrer Freundin von der Wehrmacht? Hat er selber „gedient“? Dann wird er sich vielleicht freuen, wenn Sie in der Ausgehuniform erscheinen. Ich möchte Ihnen raten, ein klein wenig besser angezogen zu sein, als Sie es von dem Vater Ihrer Freundin erwarten. Dann machen Sie nichts verkehrt. Pflegt er zu solchen Tageszeiten, wie der, zu welcher Sie zu kommen gedenken, zum Beispiel eine Kombination mit offenem Hemd zu tragen, erscheinen Sie in ähnlichem Outfit, jedoch mit Krawatte. Können Sie erwarten, dass er Sie in Jeans und Polohemd erwartet, so bevorzugen Sie eine Baumwoll- oder Wollhose und ein offenes Oberhemd mit langen Ärmeln, eben ein bisschen offizieller als Ihr Gastgeber. Das können Sie doch alles über Ihre Freundin absprechen. Und wenn er Sie tatsächlich im schicken Dreiteiler erwartet, dann ziehen Sie eben auch einen guten Anzug und eine Krawatte und ein Hemd mit Doppelmanschetten und Manschettenknöpfen an. Machen Sie nur nichts Übertriebenes, kein knallrotes Hemd, keine Strümpfe, die heller sind als die Hose, und „never brown after six“, das heißt, wenn es dämmert keine braunen Schuhe und keinen braunen Gürtel mehr, und braune Anzüge sollten Sie erst gar nicht anschaffen, höchsten braune Tweedjacken mit grauer Hose, aber nicht für abends.
Gewiss früher war es bei solchen Besuchen üblich, einen dunklen durchgehenden Anzug anzuziehen, ganz früher ging’s sogar nur im Cutaway, aber das ist alles vorbei. Never overdo!
Sie sollten einen Blumenstrauß für die Mutter Ihrer Freundin mitbringen, nicht zu groß und nicht zu mickrig und natürlich keine roten Rosen, die sind nur für Ihre Freundin richtig, aber nicht zu diesem Anlass. Anders als bei formellen Essenseinladungen, zu denen es vornehm ist, die Blumen einen halben Tag vorweg zu schicken, damit die Dame des Hauses sie schon arrangieren kann, bringen Sie diesen Blumenstrauß selber mit, wickeln ihn unmittelbar vor der Übergabe an die Dame des Hauses aus dem Papier und sagen Sie bei der Übergabe an die Mutter, dass Sie sich freuen, endlich die Mutter Ihrer Freundin kennen zu lernen, von der sie schon so viel Nettes gehört hätten.
Sie werden dann vermutlich ins Wohnzimmer oder auf die Terrasse gebeten, und Sie sollten darauf achten, dass Sie sich erst dann hinsetzen, wenn beide Damen sitzen. Überhören Sie zumindest die erste Aufforderung zum Setzen, solange die Dame des Hauses noch Tee oder Mineralwasser holt. Erst bei wiederholtem Drängen der Mutter oder des Vaters Ihrer Freundin, dass Sie sich doch setzen mögen, kommen Sie dieser Aufforderung nach und stehen erneut auf, wenn die Dame des Hauses nunmehr mit Getränken beladen den Raum betritt, und versuchen Sie sofort, Ihr beim Tragen und Eingießen behilflich zu sein. Sagen Sie nie, „Kann ich Ihnen helfen?“, sondern tun Sie’s einfach mit den Worten, „ich darf Ihnen vielleicht gleich mal eingießen“, o.ä.
Das Aufstehen, sobald die Dame des Hauses den Raum erneut betritt, und das unbedingte Helfen bei der Bewirtungsarbeit lässt Sie bei Ihren Gastgebern sofort als eine hilfsbereite, wohl erzogene, herzliche Persönlichkeit erscheinen.
Machen Sie nach einer guten halben Stunde Gesten des Aufbruchs, aber lassen Sie sich einmal leicht überreden, noch ein bisschen zu bleiben. Überlegen Sie schon vorher, was Sie in der Unterhaltung mit der Familie Ihrer Freundin fragen wollen, und wenn Sie (weil befragt) über sich selber sprechen, versehen Sie Ihre Schilderungen stets mit einem Schuss Selbstironie, das macht Sie sympathisch. Fragen Sie Ihre Freundin, wofür sich ihr Vater besonders interessiert. Sprechen Sie ihn darauf an, wenn er ein spezielles Hobby hat. Jeder Mensch spricht gerne über Themen, die er beherrscht. Stellen Sie viele Fragen. So werden Sie als „interessiert“ eingestuft.
Ich würde gerne als Souffleur mitgehen - mit Tarnkappe natürlich, aber Sie werden das schon machen, davon bin ich überzeugt.
Herzlichst,
Ihr
Uwe Fenner
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