Die Fünfziger und Sechziger Jahre

Juni 24, 2005

Benimmregeln historisch
Folge 7

Das hat sich heute alles etwas geändert, und die letzten Jahrzehnte haben wohl mehr Veränderungen gebracht als der zweite Weltkrieg. Ich erinnere sehr genau, dass nach dem Krieg - zumindest in Adelskreisen - der Anzug der Jäger nach einer großen Treibjagd zum sogenannten „Schüsseltreiben“, dem festlichen Mahl und Gelage nach dem Jagdvergnügen, der Frack war. Dies wurde schon in der Einladung vorgeschrieben. Ebenso war es selbstverständlich, dass sämtliche Bundestagsabgeordneten aller Parteien zur Eröffnung einer neuen Legislaturperiode und zur Vereidigung einer neuen Bundesregierung im Cutaway im Hohen Hause saßen. Ich habe keinen Lehrer in meiner Schulzeit erlebt, der jemals, außer zum Sportunterricht, ohne Anzug und Krawatte in den Unterricht zu kommen gewagt hätte. Und nicht nur meinem Vater, der als praktischer Arzt in seiner Praxis stets einen langen, bis zum Halse hochgeschlossenen schneeweißen Kittel trug, sondern all seinen Kollegen wäre es in den 50er und 60er Jahren niemals in den Sinn gekommen, nicht unter diesem alles verbergenden Arztmantel selbstverständlich einen Anzug mit weißem Hemd mit langen Ärmeln und Doppelmanschetten mit Manschettenknöpfen und Krawatte zu tragen, von welchem er lediglich das Jackett auszog, bevor er den Kittel mit dem Stehbord überstreifte. Niemals gab es einen Neujahrsempfang ohne Cutaway, keine bedeutende Verlobung wurde ohne diesen Morgenanzug vollzogen, den zumindest die Älteren Herren selbstbewusst trugen, währen den jüngeren der „kleine Stresemann“ erlaubt war, ein Anzug, ähnlich wie der Cutaway, also auch mit grau-schwarz gestreiften Beinkleidern, zu dem seit den Rapallo-Verhandlungen des Weimarer Außenministers Stresemann, eine normale schwarze Jacke über einer silber-grauen Weste mit silbergrauer Krawatte getragen wurde. In machen Hotels tragen die Empfangs-Angestellten noch heute diese seltsame Mischung von Geschmacklosigkeit und Stilbewahrung.

Nicht nur die Kleider waren andere, auch die Sitten. Meine Generation lernte Tanzen in der Tanzstunde, und der Tanzlehrer brachte uns außerdem bei, dass man aufsteht, wenn eine Dame das Zimmer betritt, wenn wir diese Regeln nicht schon aus unseren Elternhäusern kannten. Niemand wäre auf die Idee gekommen, Fisch mit dem Messer zu essen. Wer kein Fischbesteck besaß, deckte zwei Gabeln, obwohl die Messer längst rostfreie Klingen besaßen, die keinen üblen Stahlgeschmack mehr auf Fisch, Kartoffeln und Spargel übertrugen.

Herzlichst, Ihr Uwe Fenner
Benimmregeln historisch
Folge 7