Die Hochzeitskleidung des Herrn

April 11, 2014

Die Braut ist eigentlich der Focus aller Blicke bei einer Hochzeit. Sie sorgt mit gutem Aussehen und vor allem auch mit ihrem schönen Brautkleid für Bewunderung, für „Oh“ und „Ah“ der Gäste und für tränenfeuchte Taschentücher bei alten Tanten und für peinliche Gedanken bei vielen alten Herren.  Auch die Roben der weiblichen Gäste lösen Bewunderung aus. Besonders bei großen und eigentlich immer bei adligen Hochzeiten verkleiden große Hüte mit phantasievollem Schmuck häufig Fältchen und Rünzelchen alternder Grandes Dames.

Und der Bräutigam? Die männlichen Hochzeitsgäste? Auch für sie gibt es „das passende Hochzeitsoutfit“. Es kommt auf Art und Stil der Hochzeit an.

 

1.      Die formvollendete, vornehme Morgenhochzeit

Auch wenn viele Menschen nicht mehr kirchlich heiraten, beziehen sich meine Ausführungen auf Hochzeiten, deren Hauptakt die kirchliche oder sonstwie durch ein besonders festliches Zeremoniell gekennzeichnete Traufeier gekennzeichnet ist. Der Einfachheit spreche ich daher im Folgenden nur von der „kirchlichen Trauung“, auch wenn der Trauungsakt in ähnlicher Festlichkeit nicht in der Kirche stattfinden sollte.

Auch im christlichen Abendland wurden Hochzeiten durchaus unterschiedlich gefeiert. Während in katholischer Bevölkerung sowie auch überwiegend beim Adel die kirchliche Trauung eher morgens, d.h. zwischen 11 und 14 Uhr stattfindet, also in Form einer „Morgenhochzeit“ gefeiert wurde, haben Protestanten häufig die sogenannte „Abendhochzeit“ bevorzugt, bei welcher die eigentliche Trauung zwischen 15 und 18 Uhr in der Kirche stattfindet. Je nachdem, wann also die Hochzeitsgesellschaft in die Kirche geht, pflegen Bräutigam und Gäste auch unterschiedliche Kleidung zu tragen. Das ist nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass zur Hochzeit nur der festlichste Anzug getragen wird, und das ist morgens traditionell der Cutaway.

Der Bräutigam trägt also bei der  Morgenhochzeit einen Cutaway, die männlichen Gäste ebenfalls. Ersatzweise den etwas aus der Mode geratenen „Kleinen Stresemann“ oder, wenn man beides nicht hat und weder anschaffen noch leihen mag, der dunkelgraue (anthrazitfarbene) Anzug.

Der Cutaway ist ein vorne rundgeschnittener Gehrock, welcher durch einen einzigen Knopf vorne zusammengehalten wird. Er ist  -  jedenfalls in Deutschland  -  stets dunkel-dunkel-grau (fast schwarz) und ist in seiner Stoffstruktur nicht glatt, ehr filzig oder flannellig, nur nicht so flauschig. Die Hose, die zum Cutaway gehört, ist schwarz-grau gestreift, wobei sich in den mittel- bis hellgrauen Streifen klassisch kleines Fischgrätmuster befindet. Die Hose besitzt keinen Umschlag. Im Alltag kann man einen Cutaway sehen z.B. im Eingang von Ritz-Carlton Hotels. Dort und auch in anderen guten Hotels tragen die Portiers dieses Kleidungsstück. In England werden auch Cutaways in hellem Grau und in Beige , dann jeweils der ganze Cutaway-Anzug (Rock und Hose) aus dem gleichen Stoff gefertigt. Zum Beispiel tragen feine Engländer zum Pferderennen in Ascot meistens graue oder  -  seltener  -  beigefarbene Cutaways mit entsprechend farbigem Zylinder. Prinz Charles etwa trug bei seiner Vermählung zum Standesamt einen beigefarbenen, zur Kirche danach einen klassischen schwarzen Cutaway, dann natürlich mit der grau-schwarz gestreiften Hose.

Zum Cutaway gehört in jedem Falle eine Weste. Diese kann ein- oder zweireihig sein. Früher war sie silbergrau, heute haben wir von den eher farbenfreudigen und –mutigen Briten übernommen, dass die Weste zum Cutaway viel hübscher in Pastellfarben kleidet: gelb, beige, hellgrün, hellblau und sogar ein blasses rosa behmen dem Cutaway seinen altmodischen und allzu ernsten Charakter. Heute trägt man zum Cutaway vorzugsweise ein weißes oder weiß-blau gestreiftes Hemd mit Kentkragen oder dem „Cutaway-Kragen“ oder ein hellblaues oder rosafarbenes Hemd mit weißem Kontrastkragen  -  je nachdem, was auch zur Weste passt, auf keinen Fall in derselben Farbe wir die Weste.

In Deutschland kaum noch üblich ist der mittelflache Zylinder zum Cutaway. Dieser ist im Gegensatz zum zusammenklappbaren Seidenzylinder, dem „Chapeau-claque“  klassischerweise aus Biberfellfilz, folglich auch nicht zum Zusammenfalten geeignet. Doch wenn überhaupt Hut getragen wird, gehört dieser Zylinder aus Biberfellfilz dazu.

Für kalte Tage passen zum schwarzen Cutaway hellgraue Wildlederhandschuhe, schwarze glatte Schuhe und ein schwarzer langer Mantel ohne Gürtel oder  -  für den ausgefallenen Geschmack  -  eine schwarze Pelerine mit weißem Seidenfutter, dazu weißer oder schwarz-weiß gepunkteter Seidenschal.

Früher wurde Eckenkragenhemd (Kläppchen- oder Frackkragen) und Plastron getragen, was heute eher als gestelzt angesehen wird. Frei nach dem Motto, „der Gentleman ist lässig“ zieht man ein Hemd an, wie oben beschrieben, natürlich mit Doppelmanschetten und edlen Manschettenknöpfen und eine gediegen bunte Krawatte, wo früher, bei silbergrauer Weste silbergraues Plastron oder zumindest silbergraue Krawatte Pflicht waren.

Die Strümpfe (keinesfalls kurze Socken) sind schwarz und möglichst aus Seide. Die Uhr ist aus Gold, und wenn es keine Armbanduhr, sondern eine ererbte Taschenuhr sein sollte, steckt sie  -  im Gegensatz zu den Usancen beim Frack  -  in der Westentasche.

Der klassisch, so wie oben beschrieben gekleidete Hochzeitsgast unterscheidet sich in seinem Outfit überhaupt nicht vom Bräutigam.

 

 2.      Die formvollendete, vornehme Abendhochzeit

Klassich trägt der feine Herr abends nie dasselbe, was er den ganzen Tag anhatte. „Never brown after six“ zum Beispiel besagt ja schon, dass ein Herr, der etwa tagsüber in seinem Business einen hellen  oder graugemusterten Anzug oder auch eine Kombination aus grauer Flanellhose oder farbiger Chino und braun- oder grüngemustertem Tweedsakko (die klassische Kombination) und dazu stets braune Schuhe trägt, wechselt zum Abend sein Outfit und trägt dann  -   je nach Anlass  -  zum Beispiel einen dunkelblauen Blazer zu grauer Hose oder farbiger Chino oder dunklen Anzug, auf jeden Fall abends schwarze Schuhe.

Ähnlich verhält es sich mit der Festkleidung. Was am Tage vornehm und festlich wirkte, ist am Abend obsolet. Der festliche Morgenanzug ist der Cutaway, der festliche Abendanzug („Großer Abendanzug“) ist der Frack. Wer den Frack nicht kennt, dem empfehle ich, ein klassisches Sinfoniekonzert zu besuchen. Im Sinfonieorchester tragen die männlichen Musiker auf der ganzen Welt Frack.

Der Frack ist also auch das Kleidungsstück, welches in sehr guter Gesellschaft bei Abendhochzeiten getragen wird. Die Abendhochzeit beginnt, wie die Morgenhochzeit mit der kirchlichen Trauung, nur dass diese eben am Nachmittag, frühestens um 15 Uhr, durchgeführt wird, damit sich im Anschluss daran direkt und im gleichen Outfit ein Empfang und das Hochzeitsdinner, gegebenenfalls noch das Tanzvergnügen anschließen. Während dem Hochzeits- (Trauungs-) Akt am Vormittag („Morgenhochzeit“) in der Regel ein Empfang oder ein (Sekt-) „Frühstück“ folgen und danach entweder Ende ist oder bis zum eventuell dann abends stattfindenden Dinner im Frack eine große Erholungspause eingelegt wird, in welcher sich dann auch die Gäste umziehen können, werden die einzelnen Bestandteile einer „Abendhochzeit“  hintereinander durchgefeiert: Kirchliche Trauung im Frack, anschließend Empfang im Frack, anschließend Dinner im Frack. Gegebenenfalls anschließend Tanz  -  natürlich erst recht im Frack.

Der Frack besteht  -  wie der Cutaway  -  aus drei Teilen: Dem eigentlichen Rock, das ist eine Mischung zwischen kurz und lang, nämlich vorne sehr kurz, nur etwa bis zum Hosenbund reichend, und hinten lang in zwei lange Frackschöße sich erstreckend. Der Frack ist der „Große Abendanzug“. Rock und Hose sind tiefschwarz, es gibt ihn auch nachtblau. International wird als Dresscode „White Tie“ genannt, wenn der Frack (englisch auch schlicht „evening suit“) gemeint ist.

Der „Kleine Abendanzug“ ist der Smoking („Black Tie“). Den Frack trägt man ausschließlich mit schneeweißer Fliege aus einem Piké-Stoff („Waffelmuster“). Aus demselben Stoff besteht die weit ausgeschnittene, ebenfalls schneeweiße Frackweste. Sie wird sowohl einreihig, in der Regel mit 6 Knöpfen, als auch zweireihig, ebenfalls mit meistens 6 Knöpfen, je drei übereinander, getragen und hat ein eigenes Revers (Schalkragen) sowie zwei Westentaschen, in welche man nie eine Frackuhr steckt. Diese wird beim Frack vielmehr in der Hosentasche getragen. Ebenso gut und etwas zeitgemäßer ist die flache goldene Armbanduhr.

Das Frackhemd hat eigentümlicher Weise keine Umschlag-, sondern nur einfache Manschetten, die natürlich auch mit Manschettenknöpfen, meist goldenen mit Halbedelsteinen besetzten Manschettenknöpfen zusammengehalten werden. Ich persönlich finde diese einfachen Manschetten popelig und trage auch als Frackhemd nur solche mit Doppelmanschetten. Die Hemdenbrust des Frackhemdes ist ebenfalls aus Piké-Stoff und wird steif gestärkt getragen. In der Hemdenbrust gibt es keine angenähten Knöpfe. Vielmehr werden als Knöpfe Perlen getragen. Diese Perlen sind an winzigen goldenen Klappgestängen angeschraubt, so dass sie  -  ähnlich wie ihre großen Brüder, die Manschettenknöpfe  -  durch die Knopflöcher der Hemdenbrust gesteckt und fest geklappt werden können.

Die Frackhose hat an den Außennähten der Hosenbeine einen Doppelgalon, neuere Modelle haben schmalere Hosenbeine, als sie früher getragen wurden, und besitzen  -  wie der Smoking  -  nur einen einfachen Galon aus schwarzer Seide. Solch ein Galon ist ein etwa zwei Zentimeter breiter Streifen, wie ihn italienische Polizisten an ihren stolzen Uniformhosen tragen.

Die Strümpfe sind möglichst aus Seide. Als Schuhe werden Lackschuhe, traditionell sogar Lack Pomps mit einer Schleife aus Seidenrips getragen.

Der traditionell dazu zu tragende Hut ist der Chapeau-claque, also der zusammenklappbare Seidenzylinder. Für den Weg durch die Kälte ist eine mit weißer Seide gefütterte Pelerine oder ein schwarzer Chesterfield (klassischer Mantel mit verdeckter Knopfleiste) oder ein ein- oder zweireihiger Parletot mit schwarzem Samtkragen. Der Schal dazu ist aus weißer Seide.

 

 3.      Die bürgerliche Hochzeit

Es gibt nicht viele Hochzeitsfeste, die so formell, so formvollendet und so stilvoll ablaufen, dass tatsächlich von der Mehrzahl der männlichen Gäste tagsüber der Cutaway und abends der Frack getragen werden. Anstelle des Cutaways wird auch der „Kleines Stresemann“ und anstelle des Fracks der Smoking getragen. Oder statt sowohl des einen wie auch des anderen Kleidungsstücks einfach der dunkle Anzug.

Der „Kleine Stresemann“, später wegen seiner Bedeutung nach dem Kriege in den Bonner Regierungskreisen auch häufig als „Bonner Anzug“ bezeichnet, ist ein Bisschen aus der Mode gekommen. Erfunden wurde dieser Anzug 1925 vom Reichskanzler Gustav Stresemann, der es leid war, zwischen Reichstag, wo Cutaway damals Vorschrift war, und seinem Büro in der Reichskanzlei ständig den Anzug wechseln zu müssen. Er zog also nur den Cutaway-Rock aus, behielt aber die gestreifte Hose an und zog ein schwarzes Jackett an. Aus diesen Teilen besteht bis heute der „Kleine Stresemann“, „Stresemann-Anzug“ oder „Bonner Anzug“. Dazu wird eine silbergraue Weste getragen. Bei Trauerfeiern ist diese übrigens, wie auch beim Cutaway schwarz. Wie schon der Cutaway so ist auch der Stresemann ein Morgenanzug, das heißt, er verträgt keine künstliche Beleuchtung.

Viel mehr noch als der Stresemann ein  Cutaway-Ersatz ist, ist der Smoking, also der „Kleine Abendanzug“ ein Ersatz für den Frack am Abend. Allerdings hat sich der Smoking  -  im Gegensatz zum Stresemann  -  viel deutlicher und breiter durchgesetzt. Der Smoking ist inzwischen der ganz normale Abendanzug zu allen Arten von Festivitäten, Galas, großen Diners, Bällen und abendlichen Hochzeiten geworden.

Es ist grundsätzlich ein schwarzer Anzug mit seidenen Revers und einem Seidengalon an den äußeren Hosennähten. Dazu wird eine schwarze Fliege getragen, daher auch die internationale Dresscode-Bezeichnung „Black Tie“. Es gibt ihn ein- oder zweireihig. Zum einreihigen Smoking gehört unbedingt eine Weste oder ein seidener Kummerbund, was manche Herren nicht einhalten und ihren häufig zu dick geratenen Bauch  unter dem unfein oft offen getragenen  Smokingjackett mit einer Mischung von Lässigkeit und Schlampigkeit zur Schau tragen.

In letzter Zeit gibt es, insbesondere bei jungen Männern, Smokings mit andersfarbenen Sakkos, zum Beispiel aus dunkelrotem Samt, und auch die schwarze Fliege wird häufig durch andersfarbige ersetzt. Früher war es ganz unmöglich, den Smoking in der Kirche, zum Beispiel zu einer Hochzeit am Nachmittag zu tragen. Das hat sich geändert. Allerdings sollten in der Kirche keine Farbenexperimente gemacht werden. Der Smoking, der mit einer farbenfrohen Fliege oder gar mit einer bunten Smokingjacke kombiniert wird, gehört auf eine Party, aber nicht in die Kirche.

Zum Smoking gehört ein schönes Hemd. Ein Smokinghemd ist entweder mit einer Faltenbrust ausgestattet, oder es hat, ähnlich wie das Frackhemd, eine Pikébrust, oder es ist glatt und hat eine verdeckte Knopfleiste. Am schicksten sind Smokinghemden mit einer Pikébrust, normalem Kent-Kragen und keinen eigenen Knöpfen vorne. Denn auch zum feinen Smokinghemd gibt es gesonderte einsteckbare Zierknöpfe, am edelsten goldene mit kleinen Gabouchons, kleinen runden oder ovalen in Gold gefassten Halbedelsteinen, praktisch wie winzige Manschettenknöpfchen.

Die Schuhe zum Smoking sind Schnürschuhe aus schwarzem Lackleder oder schwarze Gucci-Loafer. Die Strümpfe sind schwarz. Die Weste kann aus Seide sein, ein- oder zweireihig und mit oder ohne eigene Schalkragenrevers, wie die Revers der Smokingjacke und wie die schwarze seidene Fliege.

 

Ich wünsche allen Lesern viel Spaß bei der Auswahl ihrer Fest- und Hochzeitskleidung und kann mit bestem Gewissen die Maßkonfektionsschneiderei Xiuts mit ihren gut ausgestatteten Läden in Frankfurt, Köln, München und Düsseldorf als Produktionsfirma individueller, feiner und bestens sitzender Herrenkleidung empfehlen.

Uwe Fenner
Benimm-, Stil- und Kniggeexperte
Seminare und Coaching
Berlin
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