Handhabung der Gabel

März 17, 2008

Hallo Herr Fenner,

meine Freundin und ich sind uns seit langem uneins in der Frage, wie man, laut Knigge, mit der Gabel korrekt ein Stück Fleisch ansticht, um es dann zu schneiden. Selbst im Internet haben wir auf unsere Frage bisher keine Antwort gefunden. Können Sie uns
weiterhelfen?

Mit freundlichen Grüßen

M. H.

Meine Antwort:

Sehr geehrter Herr H.,

Ihre Frage zur Haltung einer Gabel ist eine Frage die uns Menschen in Europa noch nicht besonders lange interessiert. Ähnlich wie bei vielen anderen Sitten und Umgangsformen haben wir auch die Gabel einigen emanzipierten Frauen zu verdanken. Der Großteil unserer Umgangsformen beruht ja darauf, dass die Frau am gesellschaftlichen Leben verstärkt teilgenommen hat und Männer sich entsprechend gesitteter verhalten mussten. Henri Louis Mencken hat das einmal sehr treffend umschrieben, als er sagte: “Eine Dame ist eine Frau, deren bloße Anwesenheit zur Folge hat, dass sich Männer wie Herren benehmen.”

Mit der Gabel verhält es sich so ähnlich. Einigen Quellen zufolge gab es in der Antike schon Gabeln, wenn auch nur zum Vorlegen, gegessen wurde jedoch noch sehr lange mit den Fingern. Weltweit gesehen essen auch weit mehr Menschen mit den Fingern (ca. 4,2 Milliarden), als mit Messer und Gabel (ca. 900 Millionen).

Im 11. Jahrhundert benutzte man Gabeln am Hof des Dogen von Venedig, sie verbreiteten sich aber selbst beim Adel bis 1500 nur sehr zögernd. Der erste Bericht über Gabeln am Hof in Venedig stammt von einem Kirchenlehrer, der berichtet, dass eine Prinzessin aus Byzanz sie eingeführt habe. Er verurteilt diese neue Mode als „sündhafte Verweichlichung“. Zudem wurde die Gabel lange Zeit von der katholischen Kirche abgelehnt und als Symbol des Teufels angesehen. So war ihre Benutzung in Klöstern lange Zeit ausdrücklich untersagt. Luther sagte 1518: „Gott behüte mich vor Gäbelchen.“ Und Erasmus von Rotterdam präzisierte wenig später: „Was gereicht wird, hat man mit drei Fingern oder mit Brotstücken zu nehmen.“ So gibt es vierzinkige Gabeln erst seit dem 17. Jahrhundert in Frankreich. Von Italien aus begann die Gabel im 16. Jahrhundert als Essbesteck in Mode zu kommen. Die Gabel als Teil des persönlichen Essbestecks setzte sich in Deutschland erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts in breiten Schichten durch. Im höfischen Leben ist sie etwas früher als Vorlegegabel für Fleisch und vereinzelt als Konfekt- oder Käsegabel nachzuweisen. Letztlich waren es also die Prinzessinnen, die die Gabel aus Ihren Kulturen an die europäischen Höfe brachten und dort als „très chic“ etablierten.

Aber um auf Ihre eigentliche Fragestellung zurückzukommen, die Gabelhaltung an sich hat sich seit Ihrer Einführung kaum verändert. Nimmt man die Gabel, um beispielsweise ein Stück Fleisch auf dem Teller zu fixieren, um dieses dann zu zerteilen, dann liegt der Zeigefinger mit leichtem Druck auf dem Griff, Daumen und Mittelfinger dienen der Balance, und die Gabel zeigt mit ihrem Bogen nach oben. Dient die Gabel hingegen als „Schaufel“, was noch im berühmten Pappritz-Buch der 50er-Jahre als unvornehm galt, dann ruht der Stiel in der Beuge zwischen Daumen und Zeigefinger. Hier gibt es jedoch auch regionale Unterschiede. In Großbritannien beispielsweise balanciert man Beilagen und Gemüse auf dem Gabelrücken. In jedem Fall sollte man beachten, dass die Gabel nicht zu voll behäuft wird, damit nichts herunterfallen kann oder man den Mund weit aufreißen muss, um die „Ladung“ bewältigen zu können. Die Gabel sollte immer so zum Mund geführt werden, dass sie eine waagerechte Linie nicht verlässt, am besten zeigt sie sich sogar noch ein wenig nach unten geneigt. Wer diese Haltung verwendet, wird sehr schnell feststellen, dass so nichts heruntertropfen oder -kullern kann.

Am Besten lässt sich so etwas natürlich in der Praxis zeigen und erklären. Ich kann Ihnen daher nur raten, sich zu einem meiner Seminare anzumelden und unter professioneller Anleitung die Benutzung dieses noch nicht allzu lange im Gebrauch befindlichen Essinstruments zu üben.

Herzlichst, Ihr

Uwe Fenner, 17.03.2008

 

 

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