Herrenhandtaschen

November 26, 2009

Sehr geehrter Herr Fenner,

mit gespannter Erwartung erlaube ich mir, Ihnen meine Anfrage vom Juli 2009, die Sie im nachfolgenden Text finden, nochmals zuzusenden.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie die Zeit für eine entsprechende Antwort finden können.

Mit freundlichen Grüßen,

P.W.

Betreff: Bitte um Hilfe

Sehr geehrter Herr Fenner,

mit Interesse lese ich Ihre Nachrichten, Ihre Homepage und insbesondere Ihr Buch “Erfolgreich mit Stil”.
Bitte helfen Sie mir: Handtaschen sind bei Herren meines Wissens heutzutage völlig deplatziert. Mir ist bislang jedoch noch nicht klar geworden, wie und wo der stilvoll gekleidete Herr die notwendigsten Utensilien wie Autoschlüssel und Hausschlüssel, Kreditkarten und gegebenenfalls auch ein Handy mit sich führen soll. In der Regel hinterlassen diese Gegenstände doch mehr oder weniger starke Abdrücke in den Jackett-Taschen.

Ich bin gespannt auf Ihre Antwort und danke Ihnen im Voraus dafür.

Mit freundlichen Grüßen,

P.W.

Meine Antwort

Sehr geehrter Herr W.,

auweia, manches bleibt liegen. Ich bitte um Entschuldigung. Man liest es und weiß nicht recht, was man antworten soll, und dann beschließt man,… gar nichts beschließt man. Man lässt es liegen, bis so viele neue Nachrichten kommen, dass man nicht mehr merkt, dass da noch immer eine Nachricht auf Beantwortung wartet.

Nun also meine (reichlich verspätete) Antwort.

Und hierauf kann man nur eine Antwort geben mit dem Hinweis, dass guter Stil und Etikette, Höflichkeit, Manieren und gutes Benehmen immer bestehen in

- Rücksicht auf andere Menschen,
- Respekt vor den Mitmenschen,
- sich selber zurücknehmen
- und die mutmaßlichen Wünsche der anderen erfüllen.

Klopfen wir danach Ihre Frage, wohin mit dem ganzen Taschenzeug ab. Vielleicht hat das schon die Anzugindustrie getan. Die Kleidermacher verweigern den Damen Innentaschen, Außentaschen, Seitentaschen und Hosentaschen in und an ihren Hosenanzügen, Kostümen und Kleidern, weil sie ja schließlich Handtaschen haben. Den Männern gönnen sie:

- am Sakko drei Innentaschen und drei Außentaschen,
- an der Hose zwei Seitentaschen, zwei Gesäßtaschen und häufig vorne rechts noch ein Uhrentäschchen,
- im Mantel je zwei Innen und zwei Seitentaschen,
- und in Konfektionswesten zwei, in maßgeschneiderten vier Westentaschen.

Macht summa summarum 16 bis 19 Taschen - ja, bis zu 19 Taschen haben Sie in Ihren schicken Anzügen und Mänteln, Herr W.! Es gibt gar nicht so viele Gegenstände, die Sie ständig mit sich führen wollen oder müssen, um auch nur je einen Gegenstand in seiner “privaten” Tasche unterzubringen.

Natürlich, Sie müssen ein flaches Handy haben, und auch der Schlüsselbund sollte nicht dick sein, sonst nehmen Sie lieber zwei. Nur eine halbe Packung Tempos in die linke Außentasche vom Jackett und die andere Hälfte, wenn überhaupt nötig, in eine Manteltasche. Fürs Geld nur ein ganz, ganz flaches Portemonnaie, welches in einer Ihrer Gesäßtaschen am sichersten aufgehoben ist, und die Kreditkarten? Legen Sie sich zuhause ein Kästchen in den Flur mit allen Ihren Karten, und stecken Sie immer erst, wenn Sie das Haus verlassen all’ diejenigen Karten ein, die Sie bis heute Abend brauchen. Eine haben Sie immer im Portemonnaie, dann bleiben nur noch zwei oder drei, sie müssen nicht überall Ihre Versichertenkarte und den Mitgliedsausweis für den Förderverein der Staatsoper bei sich haben.

Wenn Sie so handeln, haben Sie überhaupt nur fünf Taschen von 16 bis 19 besetzt, und diese nur mit flachen Gegenständen, die Sie nicht fühlen und andere nicht sehen, auch nicht bei gut und eng sitzenden Anzügen.

So mach jedenfalls ich es, und das ist mein Rat.

Dann erfüllen Sie auch die o.a. Benimmpostulate:

- Sie nehmen Rücksicht auf die Menschen, die Sie anschauen; denn sie bleiben ein schöner Mann!
- Sie erweisen dem ästhetischen Empfinden der Mitmenschen Respekt,
- Sie nehmen sich selber zurück, wenn Sie Ihr dünnes Karten-Brieftäschchen aufschlagen - keine 15 goldenen und Platincards,
- und Sie erfüllen die mutmaßlichen Wünsche Ihrer Umgebung, die Sie gerne OHNE Herrentasche, MIT Ihrem gut sitzenden Anzug und MIT guter Laune, weil Sie sich wohlfühlen, sehen will.

Herzlichst,

Ihr

Uwe Fenner

Institut für Stil & Etikette
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