Höfliches Verhalten beim Empfang von Gästen

Dezember 29, 2006

Frau D. A. schrieb:

Sehr geehrter Herr Fenner,

bitte seien Sie so freundlich, mir diese eine Frage zu beantworten. Gerne möchte ich Ihnen hierzu kurz eine Situation erklären:

Nachdem mich mein Bruder (er lebt mit seiner Freundin gemeinsam in dem Haus meiner verstorbenen Oma zur Miete) an einem Samstag Nachmittag eingeladen hatte und ich dann, wie verabredet, dort geklingelt habe, wurde mir von meinem Bruder die Tür geöffnet. Sofort wurde mir im Flur die Jacke abgenommen (von ihm), mit dem Hinweis, dass wir nach oben gehen. die unteren Türen standen nicht offen. Ich dachte, dass ich dies als Hinweis verstehen sollte, doch nicht weiter ins Haus zu treten. Allerdings fragte mich mein Bruder (7 Jahre älter als ich) auf Grund meines Zögerns unmissverständlich, ob ich denn nicht seine Freundin begrüßen möchte. Etwas irritiert klopfte ich an die Wohnzimmertür, um ihr “guten Tag” zu wünschen. Sie saß auf der Couch, las ein Buch, schaute kurz auf, grüßte, ohne Anstalten zu machen, mir die Hand zu geben oder sich gar zu erheben, zurück, senkte den Kopf wieder und las weiter.

Ist das nicht unhöflich? Hätte sie mich nicht eigentlich als Gastgeberin an der Tür begrüßen müssen? Wie soll ich das deuten??? Es ist mir sehr wichtig, hier eine Antwort von einem Profi zu bekommen!!!

Mit freundlichem Gruß
D. A.

Meine Antwort:

Der Gruß ist das wichtigste Symbol der Wertschätzung eines Menschen.

Sehr verehrte Frau A.,

die Freundin Ihres älteren Bruders scheint Sie wirklich nicht zu mögen. Aber ihr Verhalten ist auch dann nicht in Ordnung, wenn Sie untereinander nicht in guter Freundschaft verbunden sind.
So benimmt man sich nicht. Darüber sollten Sie sich vielleicht mit Ihrem Bruder gelegentlich aussprechen. Etwa in dem Sinne, „Nimm’s mir bitte nicht übel, lieber Bruder, aber ich fühle mich durch Deine Freundin nicht adäquat behandelt. Und ich habe das Gefühl, dass mein Erscheinen bei Deiner Freundin keine Freude auslöst. Ich möchte daher auf Besuche bei Dir, solange Deine Freundin da ist, in Zukunft lieber verzichten.“ Das muss ja die Besuche bei Ihrer Großmutter nicht unbedingt berühren. Gegebenenfalls können Sie Ihre Großmutter ja bitten, Ihren Bruder herauf zu rufen, wenn Sie bei ihr zu Besuch sind.

Ich möchte diese Anfrage dazu benutzen, grundsätzlich etwas über die Begrüßung und Behandlung von Besuch zu sagen.

Der Gruß ist das wichtigste Symbol der Wertschätzung eines Menschen. Seltene Gäste, die man schätzt, holt man vom Bahnhof ab, kommt ihnen also ein Stück entgegen, um ihnen seine Wertschätzung zu zeigen. Staatsgäste werden sogar mit militärischen Ehren, also in Anwesenheit einer Ehrenkompanie des Heeres oder der Marine empfangen, an der der Staatsgast, um sich gebührend für diese Ehre zu bedanken, grüßend abschreitet. Vielfach werden dem Ankommenden oder Heimkehrenden am Flughafen Blumen überreicht, die Abholer nehmen ihm höflicherweise sein Gepäck ab und tragen oder schieben es für ihn.

Ähnlich ist es auch bei erwartetem Besuch, der zu Hause empfangen wird: Klingelt ein Gast an der Tür, gleichviel, ob ein Freund oder ein Verwandter, so öffnet der Hausherr oder seine Partnerin oder wer immer mit ihm zusammenwohnt, die Haustür. Wenn der Gast erwartet wird und klingelt, bemerkt das ja jeder in der Gastgeberwohnung, so dass es eine vornehme Geste ist, wenn sogleich die übrigen Mitglieder der Familie oder - wie man es heute auch vielfach nennt - der Bedarfsgemeinschaft in Richtung Haustür strömen, um den (erwarteten) Gast freudig zu begrüßen und damit zum Ausdruck zu bringen, „Du bist uns willkommen“.

Früher war das anders. In den bürgerlichen Familien gab es stets ein Dienstmädchen oder einen Diener, der beim Klingeln die Tür öffnete. Die Besuche waren niemals verabredet; wie auch? Es gab ja noch kein Telefon. Besuchszeit war sonntags zwischen 11 und 13 Uhr. Zu dieser Zeit hielten sich Familien, die Besuch empfangen wollten, hierzu bereit. Der Diener oder das Dienstmädchen öffnete die Haus- oder Etagentür. Der Besucher gab ihr oder ihm seine Visitenkarte, mit der die Dienstperson verschwand, um bei dem Besuchten nachzufragen, ob der draußen wartende Besuch willkommen sei. Wenn die Gastgeber den Besucher vorlassen wollten, meldeten der Diener oder das Mädchen, „die Herrschaften lassen bitten“, nahmen dem Besucher den Mantel ab und führten ihn in den Salon. Hier erwartete der Hausherr den Besucher stehend, schüttelte ihm die Hand und stellte ihn seiner Frau, die auf ihrem Platz sitzen blieb vor, sofern sie den Besucher nicht kannte. Wenn der Besucher beide Ehepartner kannte, ging er zuerst zur Dame des Hauses, begrüßte sie (die ihrerseits sitzen blieb), indem er einen Handkuss über ihren Handrücken hauchte und begrüßte dann den stehend wartenden Herrn des Hauses. Der Besucher wurde sodann gebeten, sich zu setzen, und ihm wurde eine Zigarette angeboten. Das Angebot eines Drinks oder einer Tasse Tee war eher ganz engen Freunden vorbehalten. Nach zehnminütigem Austausch von Komplimenten, Höflichkeiten und Informationen stand der Gast auf und verabschiedete sich artig, zunächst durch Handkuss von der Gnädigen Frau, dann vom Hausherrn, der ihn zumindest bis ins Foyer des Hauses oder der Wohnung brachte. Dort übernahm ihn das Dienstmädchen oder der Diener erneut, übergab ihm seinen Überzieher, öffnete ihm die Tür und verabschiedete ihn mit einem Knicks oder Diener. Wenn der Hausherr dem Gast seine besondere Wertschätzung zeigen wollte, übernahm er die Begleitung zur Haus- oder Etagentür selber. - So war es einmal.

Heute gibt es Überraschungsbesuche fast nur noch in Fernsehen in den Soap-Serien. Kein vernünftiger Mensch kommt heute mehr auf die Idee, einen anderen ohne Ankündigung zu besuchen. Selbst wenn man zufällig am Haus von guten Freunden vorbeifährt und das bekannte parkende Auto die Vermutung nahe legt, dass die Freunde zu Hause sind, wird der höfliche „Überraschungsgast“ mit seinem Handy kurz anrufen, die Situation erklären und fragen, ob ein Spontanbesuch passt.

Mit anderen Worten: echte Überraschungsgäste gibt es kaum. Aber es gibt Besuchsverabredungen, wie die der Frau A. im vorliegenden Fall mit ihrem Bruder und dessen Freundin. Wie behandelt man nun solchen Besuch?

Egal, ob es sich um Verwandte oder Freunde handelt, es gilt der alte Spruch,

„Der Gast - und sei er noch so schlecht -
er wird geehrt, das ist sein Recht.“

Der Besucher klingelt also, ihm wird vom Hausherrn oder seiner Freundin/ seinem Freund oder seiner Ehefrau die Tür geöffnet. Der Besucher grüßt den Gastgeber oder die Gastgeberin, je nachdem, wer öffnet. Ein Besucher, dem Ehren zuteil werden, rechtfertigt diese in der Regel dadurch, dass er ein Gastgeschenk mitbringt. In aller Regel ist dies ein Blumenstrauß. Dieser kann durchaus aus dem eigenen Garten stammen. Es können aber auch Spielsachen für die Kinder oder ein Buch oder ein Korb mit Äpfeln aus dem Garten sein. Im Allgemeinen wird ein Blumengeschenk eher der Dame des Hauses überreicht, wenn es denn eine gibt im Gastgeberhaushalt.

Der Gast wird also hereingebeten, der Türöffner zeigt ihm die Garderobe, wo er seinen Mantel hinhängen kann oder nimmt ihm (und besonders Ihr) diesen ab. Kommt der Gast von weiter her, zeigt man ihm die Gäste-Toilette mit dem Hinweis, falls er seine Hände waschen möchte, und führt ihn in die „gute Stube“.

Sollte also - wie in dem Fall von Frau A. - der Hausherr geöffnet haben und seine Frau oder Freundin noch nicht grüßend im Foyer auf ihn zugekommen sein, dann wird sie spätestens jetzt den Gast im Wohnzimmer begrüßen. Ob dieses nun geschieht, indem sie aufsteht oder in ihrem Sessel sitzen bleibt, hängt letztlich sehr vom alter der Dame des Hauses ab.

Grundsätzlich gilt: Herren haben immer und ohne jede Ausnahme aufzustehen, wenn ein Besucher das Zimmer betritt, egal, ob es sich bei dem Besucher um einen Herrn oder um eine Dame handelt. Das gilt ganz überwiegend auch im Büro. Auch der Chef steht beim Eintreten von weiblichen und männlichen Mitarbeitern (und Gästen sowieso) grundsätzlich auf. Bei Damen wird differenziert: Früher stand eine Dame niemals auf. Egal, ob der Besucher ein Herr oder eine Dame war. Die Lady grüßte sitzend. Die Gepflogenheiten haben sich mit der stärkeren Emanzipation der Frauen geändert. Die höfliche jüngere Frau steht genau so auf, wie der Herr es eh und je tat. Die ältere Dame, die seit ihren Jugendtagen gelernt hat, dass Damen nicht aufstehen, wird sich nur bei sehr alten und würdigen Damen und Herren erheben. Allein - auch diese ältere Dame macht ja nichts falsch, wenn sie sich erhebt. Es ist allemahl ein Beweis der Hochachtung des Gastes.

Was auf gar keinen Fall geht, ist dass eine Dame über ihr Buch versenkt kurz aufblickt, die Hand zum Gruße reicht oder noch nicht einmal das und sich sofort wieder ihrer Lektüre widmet, ohne dem Gast weitere Beachtung zu schenken. Das Buch - und sei die Lektüre noch so spannend - wird sofort weggelegt, und die Dame des Hauses wird mit allen ihren Gesten dem Besucher das Gefühl zu geben versuchen: „Du bist willkommen, wir freuen uns, dass Du da bist!“

Dazu gehört heute, dass man den Gast fragt, ob er etwas zu trinken haben möchte, oder dass man ihm einfach ein Glas Wasser hinstellt und fragt, ob er vielleicht einen Kaffee oder ein Glas Wein oder was auch immer haben möchte. Dazu gehört vor Allem auch, dass man sich ihm widmet. Dass man sich nach seinem Befinden erkundigt, was es Neues von ihm und gegebenenfalls von seiner Familie gebe, was er erlebt habe usw. Natürlich hat man ihm längst einen Platz angeboten, den der Gast eingenommen haben muss, ehe sich der Gastgeber selber dazusetzt.

Der aufmerksame, rücksichtsvolle Gast wird ein Gefühl dafür entwickeln, wie lange er seinen Besuch ausdehnen darf. Normalerweise wird er bei solchen zwar angekündigten, aber nicht auf einer Einladung beruhenden Besuchen nicht länger als eine halbe bis drei Viertelstunden bleiben. Nur wenn der Gastgeber ihn hartnäckig zum Längerbleiben auffordert, kommt der höfliche Gast dieser liebenswürdigen Geste nach. Im Zweifel ist es besser trotz Aufforderung, doch noch zu bleiben, die Gastfreundschaft nicht zu sehr zu strapazieren.

Merke: (Fast) jeder Gastgeber freut sich, wenn Besuch kommt, und (fast) jeder freut sich auch, wenn er wieder geht. So ist das nun mal.

Nur unter Beachtung dieser allgemeinen und eigentlich nicht besonders schwierigen Höflichkeitsregeln fühlt sich der Gast willkommen, wird sein Besuch für beide Teile, für ihn und die Besuchten, zu einem schönen Erlebnis, dessen Wiederholung alle Beteiligten sich wünschen.

Herzlichst,

Ihr UWE FENNER

HEADHUNTER & COACH
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