“Ich bin adlig”!?

Juli 31, 2013

Frau A.S. schrieb mir am 30.7.2013

Sehr geehrter Herr Fenner,

es geht um folgende Frage, die doch reichlich Verunsicherung auslöst: ein junger Mann sagt im Laufe des Gesprächs einer jungen Dame, er sei adelig. Wie soll sie reagieren? Einfach weglächeln? Das tat sie, er ist nun beleidigt.

Diese Frage stellte ich schon einem älteren Herrn adeligen Standes, der es wissen muß. Nun, er echauffierte sich ob dieses Angebers und meinte, es gehöre sich nicht für einen jungen Mann eine junge Dame in diese Situation zu bringen, denn sie habe keine Möglichkeit angemessen zu antworten – entweder sie verliert augenblicklich den Verstand und träumt vom Prinzen auf dem weißen Pferd und verhält sich wie ein kreischender Groupie, was eindeutig die falsche Reaktion ist. Er hat dann leichtes Spiel, sollte er es darauf angelegt haben. Oder sie kommentiert es mit einem “Ach ja?”, was leicht schnippisch rüberkommen kann, was auch nicht zu empfehlen ist. Oder sie schweigt dazu, was von ihm als arrogant interpretiert werden kann. Egal, wie man es dreht und wendet, sie befindet sich auf Glatteis. Was soll sie also tun?

Was meinen Sie?

Herzliche Grüße

A. S.

Meine Antwort am 31.7.2013

Sehr verehrte Frau S.,

die Träger von Adelsnamen sind auch nicht mehr das, was Sie früher mal waren. Der von Ihnen befragte ältere Herr adeligen Standes (das gibt’s ja eigentlich nicht mehr, nur noch adeligen Namens) hat ja so recht! Er jedenfalls weiß, was sich gehört und was nicht, und deswegen kann ich ihm nur in allen Punkten beipflichten. Natürlich, sie hätte sagen können, „ach, das wusste ich nicht Herr von Soundso, so klingt ja Ihr Name noch edler“. Aber es geht mir hier weniger um die junge Dame und um die Frage, wie sie auf eines schnöselige Bemerkung vornehm reagiert. Es geht entschieden mehr um das reichlich dämliche Benehmen des jungen Mannes, der es offensichtlich für nötig hielt, mit seinem „von“ anzugeben. Das macht man eleganter. Feine Leute, die einen Adelstitel oder auch nur ein „von“ vor ihrem Namen führen, stellen sich  -  zumindest in einem Kreis gesellschaftlich gleich- oder ähnlichrangiger Personen nicht mit „von“ vor. Ein Carl von Heyne würde sich mit „Heyne“ vorstellen oder auch mit „Carl Heyne“, nur auf die Frage, „wie heißen Sie eigentlich“, insbesondere, wenn diese Frage von einer Amtsperson gestellt wird, würde er antworten, „mein Name ist Carl von Heyne“.

Eine gute gesellschaftliche Regel ist, dass möglichst ein Dritter, der beide Personen, die einander noch nicht kennen, vorstellt. Diese Art des miteinander Bekanntmachens ist der Eigenvorstellung immer vorzuziehen, wenn sie möglich ist. Das ist ja in der Gesellschaft in der Regel der Fall. Dann sagt etwa einer, der sowohl die junge Dame, als auch den jungen Mann kennt, zunächst zur Dame, „darf ich Ihnen Herrn von Heyne (oder darf ich Ihnen Carl von Heyne) vorstellen?“, und sofort zu Letzterem, „Herr von Heyne (oder Carl), das ist Dorothee Müller, eine Kollegin in meiner Firma“ o.ä. Es ist also leicht, von vornherein die Verhältnisse zu kennen, wenn wie häufig ein kundiger Dritter das Bekanntmachen übernimmt. Wenn er das nicht tut, kann man ihn durchaus auch dazu ermuntern: „Lieber ‚Dritter‘, könntest Du mich mit Deinem Begleiter bekannt machen?“ . . . .

Dass sich zwei völlig miteinander Unbekannt treffen und sich selber vorstellen, ist ja  -  außer im Geschäftsleben  -  verhältnismäßig selten. Menschen, die gesellschaftlich guten Umgang haben, kennen ohnehin viele Adelsnamen, wie Arnim, Stauffenberg, Bülow oder Bismarck. Wenn sich also einer mit, „Guten Tag  -  Arnim (oder guten Tag, Martin Arnim)“ vorstellt, dann wissen viele, das es sich höchstwahrscheinlich um einen Herrn von oder um einen Grafen handelt und erwidert entsprechend. Heißt er Heyne, trägt er also einen Allerweltsnamen, den man u.U. sowohl als Adelsnamen mit „von“, als auch als bürgerlichen Namen kennt, empfehle ich eine charmante Nachfrage, die nie verletzt: „Herr von Heyne?“

Der junge Adlige hätte sich lieber etwas zurückhalten sollen und sich ruhig gefallen lassen sollen, mit „Herr Heyne“ oder, wie unter jungen Leuten noch eher üblich, mit „Carl“ ansprechen lassen sollen. Erst wenn es zum Adresstausch gekommen wäre, hätte er sagen dürfen, „also mein vollständiger Name ist Carl von Heyne“, oder er hätte dem jungen Mädel seine Visitenkarte überreicht. Zum Beleidigtsein besteht für ihn jedenfalls überhaupt kein Grund. Er sollte lieber ein Bisschen mehr Demut zeigen.

Herzlichst,

Ihr

Uwe Fenner