Korrekte Kleidung zur Hochzeit

Mai 22, 2007

Webanfrage:

Korrekte Kleidung zur Hochzeit

Sehr geehrter Herr Fenner,

auf diesem Wege suche ich Ihren Rat bei der Kleidungswahl zu zwei besonderen  Gelegenheiten, nämlich der Hochzeit meines Bruders und nachfolgend meiner eigenen Trauung. In beiden Fällen handelt es sich um kirchliche Trauungen, einmal in Spätsommer und im nachfolgenden Frühsommer, jeweils nach 12 Uhr, vermutlich aber vor 15 Uhr beginnend, in gehoben bürgerlichen bis festlichen Rahmen, aber mit einem betont privaten Umfeld (wenige berufliche Kontakte etc.).

Nun suche ich nach einer einfachen, nicht übertrieben eleganten oder kostspieligen Lösung für die Bekleidungsfrage. Bei der Trauung meines Bruders, der sich ohne Zweifel elegant kleiden wird (Cut oder Frack), trete ich als Trauzeuge in Erscheinung, möchte mich also ebenfalls gut kleiden, ohne jedoch den Bräutigam oder weitere (Vater, Schwiegervater) über Gebühr zu übertreffen. Da die Hochzeit in Schloßatmosphäre vergleichsweise spät beginnt und Bankett und Tanz beinhaltet, wollte ich einen Smoking in klassischer Ausführung wählen. Diesen trüge ich dann zwar etwas früh, wäre aber ab dem Empfang sicher gut beraten. Bei meiner eigenen Trauung wollte ich aus gleichen Motiven den Frack wählen, um einen Cut nicht nach 17 Uhr ablegen zu müssen. Bei Smoking und Frack wollte ich natürlich keine modischen Experimente unternehmen. Vielleicht wäre noch zu erwähnen, dass ich untersetzt bin; beeinflusst das den Rat in diesem Falle?

Für Ihre Antwort bin ich sehr dankbar.
Mit freundlichen Grüßen,

F. B.

Meine Antwort:

Sehr geehrter Herr B.,

zu Ihrer Kleidungsfrage für die beiden Hochzeiten, Ihre und die Ihres Bruders, ist Folgendes zu sagen:

Grundsätzlich gilt:
Der Frack und der Smoking sind Abendanzüge. Abendanzüge vertragen kein Tageslicht. Ausnahmen gibt es nur bei Nachmittagstrauungen, wenn keinerlei Möglichkeit zum Umziehen mehr besteht. Solche Nachmittagstrauungen dürfen aber nicht vor 15 Uhr, besser 16 oder 17 Uhr beginnen.

Wenn die kirchliche Trauung morgens stattfindet (unter diesen Begriff fällt auch noch die Mittagszeit) sind Frack und Smoking tabu, und zwar absolut tabu. Sie können zur Trauung um 12 oder 13 oder auch 14 Uhr nichts anderes anziehen, als einen Cutaway, wenn es sehr festlich gehandhabt wird, oder einen dunklen Anzug. Der „dunkle Anzug“ ist anthrazit oder dunkelgrau oder schwarz (möglichst nicht blau und unbedingt ohne Muster) und wird niemals mit Fliege, sondern mit einer Krawatte in Silbergrautönen und mit einem weißen Hemd mit einfachem Umlegekragen und doppelten Umschlagmanschetten kombiniert. Der Cutaway besteht aus dem dunkelgrauen (fast schwarzen) Rock mit den Schwalbenschwänzen und einer hellgrau-dunkelgrau gestreiften Hose, wobei die schmalen Streifen noch ein dezentes Fischgrätmuster aufweisen. Zum Cutaway tragen Sie eine silbergraue oder, wenn Sie mutig sind, auch eine einfarbige Weste in einem Pastellton, bleu, rosé oder mintgrün. Das ist sehr britisch. Sie können praktisch jede Krawatte wählen, die zu den beschriebenen Farben passt. Sie können zum Cutaway auch (wie alle Mitglieder des britischen Königshauses) ein rosé- oder bleu-farbenes Unihemd mit weißem Kragen wählen.

Wenn Sie zur Kirche im Cutaway gehen, den Sie auch auf dem anschließenden Empfang noch tragen, müssen Sie sich umziehen, bevor Sie abends zum festlichen Dinner gehen. Abends sind dann Frack oder Smoking dran. Der Frack mit weißer Weste und weißer Fliege (daher international als Dresscode-Vorschrift: „white tie“) und einem Frackhemd mit Eckenkragen („Vatermörder“), der Smoking mit schwarzer Weste und schwarzer Fliege (international kurz „black tie”).

Wenn Sie morgens zur Kirche einen dunklen Anzug tragen, können Sie diesen auch abends anbehalten. Der „dunkle Anzug“ ist Ersatz sowohl für den Cutaway, als auch für den Abendanzug (Frack/Smoking). Den dunklen Anzug würde ich zu diesem Anlass immer mit weißem Hemd tragen, das macht ihn festlicher.

Sie können natürlich auch mit einem dunklen Anzug in die Kirche gehen, es tragen ja voraussichtlich nur wenige Herren einen Cutaway, und abends den Frack oder auch den Smoking anziehen. Sie müssen weniger auf Vater und Schwiegervater Rücksicht nehmen und Demut zeigen. Sie ehren den Bräutigam, wenn Sie als Brautführer gleichermaßen festlich gekleidet sind, wie dieser.

Auf jeden Fall würde ich Ihrem Bruder abraten, tagsüber, wenn die Sonne scheint, Frack zu tragen. Es sei denn, er terminiert die kirchliche Hochzeitszeremonie nicht vor 16 Uhr.

Wenn die kirchliche Trauung um 12 oder um 13 Uhr stattfindet, wird der anschließende Empfang doch sowieso um 15 oder 16 Uhr beendet, so dass sich ein großes Zeitfenster zum Umkleiden öffnet, nämlich von 16 bis 19 oder 20 Uhr, wenn das Hochzeitsdinner beginnt.

Herzliche Grüße,

Ihr

Uwe Fenner

Abathon GmbH – Headhunting & Coaching

Institut für Stil und Etikette Hildegard von Heyne

Email u.fenner@fenner.de – Internet http://www.fenner.de

Rückfrage:

Sehr geehrter Herr Fenner,

zunächst einen herzlichen Dank für die schnelle und ausführliche Antwort, ich habe Ihre Ausführungen aufmerksam gelesen. Es ergeben sich für mich noch folgende Fragen. Ich möchte die Anschaffungen für beide Feierlichkeiten im Rahmen halten, wofür Sie sicher Verständnis haben, und suche daher nach Möglichkeiten, den mir bekannten Dresscode zu biegen, ohne ihn zu brechen. Angenommen, mein Bruder heiratete im Cutaway, kann ich dann in der Kirche einen bereits vorhandenen dunklen Anzug tragen und am Abend einen Smoking, während er möglicherweise einen Anzug trägt? Mir kommt das nicht richtig vor, so als träfe ich nicht den richtigen Ton. Ich habe besagten Cutaway schon mit sehr dunklem Rock gesehen und kenne aus einschlägigen Hochzeitsfilmen auch das Tragen des fast schwarzen Rocks am Abend. Wie stehen sie dazu, angesichts einer Feier im Kreise von Freunden und Familie? Sollte ich mir einen Cutaway anschaffen, kann ich diesen denn dann zu beiden Gelegenheiten tragen? Vielleicht mit anderem Plastron und anderer Weste? Ist es schicklich, diesen Cut dann bei Hochzeiten immer wieder zu tragen? Sei es aus Eitelkeit oder Unerfahrenheit - auch dies kommt mir nicht richtig vor. Photographien belegen die Hochzeit meiner Großeltern und Eltern am Tage in Brautkleid und Frack. Meine Braut und ich möchten unsere Trauung auf circa 15 Uhr legen, gerade damit kein Zeitfenster um 19 Uhr entsteht, in dem die Tagesgäste ohne Hotelunterkunft gelangweilt sein könnten. Wie eng sehen sie die Bekleidungsvorschriften angesichts des geringen Zeitunterschiedes von 15 Uhr und 16 Uhr? Es wurden doch auch anno dazumal Schiffstaufen, Paraden etc. am Nachmittag im Frack abgehalten, die Saaldiener des Bundestages und manche Konzertmitglieder tragen schon vormittags Frack, fiele denn bei dieser Ausnahmeregelung ein so schlechtes Licht auf mich?

Daneben wüsste ich auch noch gerne etwas zur “Benutzung” von Frack und Cut, ich möchte nicht gerne wie ein Klaviervirtuose erscheinen, sollten denn die Schöße beim Hinsetzen immer nach hinten geworfen werden oder kann man sie auch glatt an das Bein legen und sich setzen?

Bitte verstehen Sie meine Rückfragen recht als Neugier und Interesse.

Gerne erwarte ich ihre Antwort.

Mit freundlichen Grüßen,

F. B.

Meine Antwort zur Rückfrage:

Sehr geehrter Herr B.,

eigentlich habe ich meinen Ausführungen von gestern nichts hinzuzufügen. Erlaubt ist, was gefällt. Sie können alles machen, was Ihnen gefällt.

Aber wenn Sie mich nach Stil und Etikette fragen, dann ist es so, wie von mir beschrieben.

Tatsächlich gab es früher vor dem Krieg Staatsakte, zu welchen auch tagsüber der Frack angeordnet wurde, z.B. Staatsbegräbnisse (dann allerdings mit schwarzer Fliege!).

Auch Kellner trugen ganztägig Frack, und in der Tat ziert die Saaldiener des Bundestages ein Frack-ähnliches Outfit auch tagsüber.

Das ändert nichts daran, dass der Frack (und der Smoking) von kultivierten und gebildeten Menschen nur abends, der Cutaway (für den ich Ihnen übrigens kein Plastron raten würde, das donnert ihn unnötig auf und wird nun wirklich als altmodisch empfunden) nur tagsüber getragen werden.

Bei der Hochzeit Ihrer Großeltern handelte es sich bestimmt um eine Nachmittagshochzeit.

Auch ich habe solch ein Foto von meinen Eltern, die 1934 auf der Huisburg im Harz (Vater und fast die gesamte übrige männliche Hochzeitsgesellschaft im Frack) heirateten, und ich weiß von meinem Vater, dass es anschließend sogleich zum abendlichen Hochzeitsessen ging.

Das war früher übrigens die klassische Zeremonie, welche bei nicht adeligen Protestanten üblich war.

Katholiken und der gesamte Adel heirateten morgens (um 11 Uhr) kirchlich. Anschließend, um 12:30 Uhr Empfang mit Drinks und Häppchen bis ca. 15:30 Uhr.

Dann ging die Gesellschaft auseinander und zog sich um, um abends um 19 Uhr in Abendgarderobe wieder zu erscheinen.
Diese Folge des Zeremoniells hat sich heute in gutbürgerlichen und Adelskreisen, die Wert auf Etikette legen, unabhängig vom Glauben in Deutschland durchgesetzt.

Übrigens haben die stilbewussten Herren immer dasselbe an. Sie wechseln weder die Farbe der Weste, noch die Krawatte von Gelegenheit zu Gelegenheit. Das ist nur bei den Damen anders. Sie können getrost abends immer denselben Smoking tragen mit immer derselben schwarzen Fliege.

Ich rate da von Experimenten ab, die albern wirken können.

Übrigens schlagen Sie die Frackschöße beim Hinsetzen nach hinten, wenn die Stuhlkonstruktion dieses zulässt, sonst setzen Sie sich einfach drauf.

Wenn Sie im Film abends Cutaway gesehen haben, so war das eher in einem kleinbürgerlichen Rahmen, und der Regisseur wollte diesen demonstrieren.

Oder es waren Hochzeitsgesellschaften, die sich ungeplant hinzogen: Denn früher hatte man häufig Hochzeiten  -  und die gibt es auch heute noch öfter  -, die nach der Kirche um 11 Uhr oder um 12 Uhr mit einem „Frühstück“ („Sektfrühstück“), das ist in Wahrheit ein festliches kleines Mittagessen, abschlossen.

Oft zog sich dann so ein „Frühstück“ bis in die Nacht hinein, und die Herren saßen immer noch in ihren Cutaways, deren Röcke sie incommentmäßig längst abgelegt hatten, oder sie tanzten hemdsärmelig durch den Saal.

Die geübte falsche Sitte ändert nichts an der richtigen Etikette, und nach dieser fragten Sie. Auch das in jeder Kantine zu beobachtende Sprechen mit vollem Munde, das sogar schon in die McDonald-Werbung Einzug gefunden hat, macht diese Unart nicht zur guten Sitte.

Jedoch noch mal: Erlaubt ist, was gefällt!

Herzlichst,

Ihr

Uwe Fenner

Abathon GmbH – Headhunting & Coaching
Institut für Stil und Etikette Hildegard von Heyne
Email u.fenner@fenner.de – Internet http://www.fenner.de