Zitat:
Ihr Rat als erfahrener Headhunter
20.11.2006, 16:06
Sehr geehrter Herr Fenner,ich erlaube es mir Sie um einen dringenden Rat zu fragen;
Ich habe zum 01. Juli in die jetzige Position des Export - Leiters gewechselt und bin daher noch bis zum 31.12. in der Probezeit. Nun bin ich bei meinem neuen Arbeitgeber extrem unglücklich. Wohlgemerkt entspricht die Position absolut meinen Vorstellungen und ich erfülle sie auch.
Unglücklich bin ich aufgrund der kriminell anmutenden Vorgänge und des Betriebsklimas insbesondere. Ich habe bereits alles angesprochen und werde vom Vorstandsvorsitzenden nur an meinen Vorgesetzten verwiesen und der wiederum deckt sich mit den einzelnen betroffenen Personen.
Halten Sie es für sinnvoll sofort wieder zu wechseln? Wie wirkt sich dies auf den Lebenslauf aus, ohne einem potentiellen neuen Arbeitgeber die Umstände erklären zu müssen? Wie könnten ebenfalls die neuen potentiellen Arbeitgeber dies sehen? Wie könnte ich allgemein vorgehen?
Darf ich Sie für die Beantwortung dieser Fragen in Anspruch nehmen ?
Mit freundlichen Grüßen
N.N.
Meine Antwort:
Sehr geehrter Herr N.N.
Vielen Dank für Ihr Vertrauen.
Das, was Ihnen passiert ist, gibt es gelegentlich.
Wenn auch zum Glück eher selten, ist es keineswegs ein Einzelfall.
Zunächst muss ich Ihnen sagen, was Ihnen nicht jetzt, aber vielleicht beim nächsten Mal hilft, dass Sie mit Sicherheit zu euphorisch Ihre neue Position angegangen sind.
Vermutlich haben Sie zu wenig Erkundigungen eingezogen, sich einfach zu wenig mit ihrem neuen Arbeitgeber, bevor er das wurde, beschäftigt.
Wahrscheinlich liegt das daran, dass Sie sich eine solche Atmosphäre, ein solches Betriebsklima und die Möglichkeit, dass in einem nicht ganz kleinen Unternehmen etwas nicht mit rechten Dingen zugeht, gar nicht vorstellen konnten.
Deswegen mein Rat für die Zukunft vorweg:
Ebenso, wie ein Unternehmen, welches einen neuen Mitarbeiter einstellen will, Referenzen beizieht, ebenso sollte der Bewerber, der Kandidat alle Erkundigungen einholen, bevor er einen neuen Arbeitsvertrag unterschreibt.
Er sollte natürlich sehr genau im Internet recherchieren, auch alle Namen aus dem Unternehmen, derer er habhaft werden kann, googlen.
Er sollte seinen Anwalt, seinen Steuerberater und seine besten Freunde fragen, ob sie was über das Unternehmen und seinen Leumund wissen.
Er sollte in dem entsprechenden Verband nach Auskünften ersuchen.
Es ist doch heute durch die Transparenz des Internet gar nicht mehr so schwer, alle Schlechtigkeiten, alles Kriminelle, alle Machenschaften von bestimmten Menschen und Organisationen herauszukriegen.
Aber nun zurück zu dem von Ihnen erbetenen Rat, was Sie nunmehr machen sollen.
Wenn die Ihre Vermutung, dass es im Unternehmen sogar kriminelle Vorgänge gibt, bewahrheiten sollte, müssen Sie natürlich sehen, dass Sie so schnell wie möglich da wieder rauskommen. Am Ende bewahrheitet sich Ihre Vermutung eines Tages, und Sie waren auch noch eine Führungskraft dieses Unternehmens. Man wird Ihnen kaum glauben, dass Sie mit den kriminellen Machenschaften gar nichts zu tun hatten.
Auf der anderen Seite ist Ihre kritische Frage, „wie wirkt sich so ein schneller Wechsel auf meinen Lebenslauf aus?“, berechtigt. Und außerdem sollten Sie nicht vor lauter Sorge, dass an Ihren Vermutungen was dran sein könnte, und vor lauter Pein, in so einem Unternehmen mit diesem Betriebsklima zu arbeiten, eine Kurzschlussreaktion zeigen und etwa Hals über Kopf kündigen, ohne etwas Neues zu haben.
Also mein Rat Nummer eins:
Behalten Sie einen kühlen Kopf und versuchen Sie, Ihre Arbeit mit der üblichen hohen Qualität zu verrichten.
Nummer zwei:
Schicken Sie sich von allen Vorgängen, die Ihre persönliche Arbeit betreffen, Blindkopien an Ihre private E-Mail Adresse. Verletzen Sie dabei nie die Geheimhaltungsverpflichtung, die Sie mit großer Wahrscheinlichkeit unterschrieben haben. Diese Dokumentation Ihrer Arbeit ist nur für Sie persönlich bestimmt. Sie können ja nicht ausschließen, dass Ihr jetziges berufliches Engagement ein juristisches Nachspiel hat.
Nummer drei:
Beginnen Sie höchst diskret mit großer Energie und mit erheblichem Engagement sofort mit der Suche nach einem neuen Job.
Nummer vier:
Nehmen Sie bei Ihren Bemühungen um eine neue Beschäftigung in einer anderen Unternehmung keinerlei Rücksicht auf Ihre Probezeit oder daran anschließend auf Kündigungsfristen. Der Arbeitnehmer kommt letztlich viel leichter davon los, und am Ende wartet das neue Unternehmen auch auf Sie, wenn Sie noch ein halbes Jahr (qualvoll) Ihrem alten Job nachgehen müssen. Suchen Sie also sofort nach einem neuen Job, prüfen Sie das potenzielle Neuengagement sehr, sehr gründlich (gebranntes Kind scheut ja bekanntlich das Feuer).
Nummer fünf:
Offenbaren sich Handlungsweisen von leitenden Herren in Ihrem jetzigen Unternehmen als wirklich und leicht nachweislich kriminell, dann gehen Sie zu einem Anwalt Ihre Vertrauens (auf eigene Kosten) und prüfen mit diesem, wie weit Sie moralisch oder gar juristisch verpflichtet sein könnten, diese Machenschaften anzuzeigen, weil Sie ansonsten Gefahr laufen könnten (mitgefangen – mitgehangen), selber in den Sog einer (indirekten) Mittäterschaft zu geraten.
Nummer sechs:
Schwärzen Sie in den Interviews bei Ihrer Neubewerbung, die Sie mit Personalberatern (Headhuntern) und den Repräsentanten des jeweiligen sich für Sie interessierenden Unternehmens haben, nicht Ihr jetziges Unternehmen an. Begründen Sie Ihren schnellen Wechselwunsch mit einem Vorgesetzenwechsel oder mit völlig anderen Erwartungen, die Sie hatten, oder mit dem notwendigen Wohnortwechsel, mit dem Ihre Frau oder Ihre Kinder nicht klarkommen. Ein Schlechtreden im Hinblick auf Ihr jetziges Unternehmen oder gar die offene Ansprache Ihre Vermutungen von kriminellen Machenschaften, fällt auf Sie zurück: Warum sind Sie denn dorthin gegangen? Konnten Sie das nicht erkennen? - Und letztlich wird man es Ihnen nicht glauben, wenn davon noch nichts in der Zeitung stand.
Wenn Sie meine sechs Ratschläge beachten, werden Sie in spätestens 6 Monaten wieder Spaß an Ihrem Beruf haben!
Das wünscht Ihnen jedenfalls von Herzen
Ihr
UWE FENNER
WWW.FENNER.DE








