Sehr geehrter Herr Fenner,
Sie haben mich bei www.openBC.com in Ihre Kontaktliste mit aufgenommen da ich nun auch in der Gruppe “Stil und Etikette” dabei bin. Ich habe nun schon einige Beiträge dort gelesen, jedoch habe ich auf meine Frage keine Antwort gefunden.
Daher wende ich mich nun direkt an Sie. Es geht um das Thema Du und Sie in dem Berufsleben. Ich habe von einiger Zeit in einer Firma meine beruflichen Einstieg als Dipl. Ing. gefunden. In meiner Position als Betriebsingenieur bin ich direkt dem Werksleiter unterstellt und unter mir die Meister. Nun meine Frage dazu. Generell heißt es der in der im höheren Stand bietet dem anderen das Du an oder der ältere bietet dem jüngeren das Du an.So wie soll ich mich den Meistern der Firma gegenüber verhalten? Sie sind zwar älter haben X-Jahre Berufserfahrung stehen aber in der Hierarchie “unter” mir.
Wäre es grob falsch wenn ich ihnen das Du anbiete oder soll ich warten bis sie es mir anbieten? Auch wenn die Begrüßung oftmals in hessischer Mundart erfolgt bin ich bis jetzt immer bei dem Sie geblieben, außer mir wurde das Du angeboten.
Ich hoffe Sie mit dem doch schon sehr intensiv besprochenem Thema nicht zu langweilen.
Mit freundlichen Grüßen
R.G.
Sehr geehrter Herr G.,
die oberste Manierenregel ist: Respekt vor den Mitmenschen.
Und Respekt zeigt der wirklich (innerlich) feine Mann auch stets gegenüber seinen Untergebenen, namentlich wenn sie auch noch deutlich älter sind.
Die zweite Manierenregel ist: Der Würdigere wird geehrt. Der andere räumt dem Würdigeren freiwillig viele Rechte ein, die er als unhöflicher Mensch selber in Anspruch nehmen könnte („Nach Ihnen, bitte!“ usw.).
Wer ist der Würdigere oder auch Ranghöhere?
Ranghöher ist generell:
* Der Ältere
* Die Dame
* Der Vorgesetzte
* Der Kunde
* Der Gast („Der Gast - und sei er noch so schlecht - ,
er wird geehrt, das ist sein Recht“)
Nun können diese Eigenschaften miteinander kollidieren:
Der Ältere ist vielleicht ein Herr, oder der Gastgeber ist eine Dame und der Gast ein Herr, der Vorgesetzte ist - wie in Ihrem Falle offensichtlich - ganz jung etc.
Bei solchen Kollisionen gilt es, großes Fingerspitzengefühl zu zeigen und auf Regel 1 (Respekt vor den Mitmenschen) zurückzugreifen.
Und abzuwägen. Ich würde erstmal alle Untergebenen siezen. Das macht sich sowieso zunächst mal viel besser. Auch wenn die Mitarbeiter, die Ihnen unterstellten Meister die kumpelhafte Nähe zu bevorzugen scheinen, haben sie am Ende doch vor einer guten Form, die Sie als Vorgesetzter zeigen, immer Respekt.
Die Mitarbeiter werden Sie mehr achten, wenn Sie in der Ansprache derselben einen gewissen Abstand halten.
Motivieren können Sie sie dadurch,
* dass sie gelegentlich mit Hand anlegen,
* dass Ihnen nichts zu schmutzig ist,
* dass Sie sich vor den Tunichgut-Mitarbeiter stellen,
wenn er was falsch gemacht hat,
* dass Sie die Mitarbeiter verstehen, ihnen gegebenenfalls verzeihen,
* sie nicht im Stich lassen, für ihre Sorgen und Nöte immer zu sprechen sind,
* ihnen klare und erfüllbare Zielvorgaben machen,
* ihre eigenen Versprechungen peinlichst einhalten,
* ihnen immer Vorbild sind.
Mit dem „Du“ wäre ich indessen sehr vorsichtig. Ich würde alle weiter siezen. Wenn einer Sie mit „Du“ anredet, würde ich so tun, als hätten Sie es nicht gehört.
Und wenn die Mitarbeiter auf einer Betriebsfeier Ihnen das „Du“ antragen, dann haben sie es in der Regel am nächsten Morgen schon wieder vergessen, oder sie wissen, dass sie es zu vergessen haben.
Nun aber noch mein Tipp, wenn Sie das unbedingt alles anders machen wollen und Ihre Meister doch unbedingt duzen wollen.
Dann würde ich zunächst einmal mit dem Chef reden.
Mit ihm Ihren Plan besprechen:
„Was meinen Sie, Herr Chef, ich möchte eigentlich, um das gute Verhältnis zwischen den Meistern und mir noch zu verbessern, um zu zeigen, dass ich mehr oder weniger einer von ihnen bin, allen nach und nach das „Du“ anbieten.“
Dann wird Ihr Chef seine Meinung hierzu sagen. Diese entspricht möglicherweise meinem o.a. Rat. Dann würde ich es lassen.
Oder Ihr Chef sagt:
„Das ist mir vollkommen wurscht, Hauptsache ist, Sie halten die Produktionsvorgaben in der gebotenen Qualität ein.“
Dann, also wenn SIE es unbedingt wollen Und wenn es Ihrem Chef wirklich egal ist, dann würde ich Ihnen raten, wie folgt vorzugehen.
Sie laden der Reihe nach, den wichtigsten Meister zuerst, jeden einzelnen nach Feierabend zu einem Glas Bier in eine ordentliche Kneipe ein.
Dann sagen Sie, „Herr Meister, Sie sind ein ganz wichtiger Mann in unserem Betrieb. Ich bin auf Ihre gute Zusammenarbeit angewiesen. Was ich bisher von Ihnen gesehen habe, hat mich überzeugt. Ich möchte die Verbundenheit mit Ihnen auch durch unsere gegenseitige Anrede zum Ausdruck bringen.
Das möchte ich peu à peu mit allen Meistern so machen.
Ich weiß nun, dass ich viel jünger bin als Sie.
Aber ich weiß auch, dass ich als Vorgesetzter den ersten Schritt dazu machen muss. Also möchte ich Sie bitten, mir diesen Antrag, der eigentlich dem Älteren gebührt, zu stellen, nämlich meine Bitte, dass wir in Zukunft „Du“ zueinander sagen.“
Wenn Sie das so darlegen, haben Sie ihm Ihren Respekt vermittelt. Der Meister wird erstens nicht „nein“ sagen, und zweitens wird er von der noblen Art, wie Sie ihn als Älteren behandeln, begeistert sein.
Sie brauchen das übrigens nicht unbedingt abends beim Bier zu tun. Nicht so stilvoll, dafür aber vielleicht wegen Autofahren besser ist, sie machen das bei einer Tasse Lavazza Blue (aber nicht mit den Tassen anstoßen! Das geht gar nicht!).
Herzlichst, Ihr Uwe Fenner








