Stil in “rustikalen Runden”

September 12, 2009

Sehr geehrter Herr Fenner,

Ihr Stilblog stellt eine wirkliche und sehr effektive Bereicherung für einen angenehmen Umgang miteinander dar. Erlauben Sie mir bitte, Ihnen auch eine Frage zu stellen. Leider ist die Frage weniger konkret, als mehr allgemein:

Wie gehe ich denn mit meinem “guten Benehmen” innerhalb “rustikaler Runden” um und wie kann ich meine Mitmenschen dafür begeistern ohne Gefühle des “Nervens” zu ernten.

Aufgrund meiner Identität und auch meiner persönlicher Einstellung finde ich Freude an feinem Verhalten in jeder Lebenslage. Diese Auffassung und insbesondere die Umsetzung kollidiert zunehmend mit dem Verhalten vieler Leute, die ich gerade hier in Berlin alltäglich treffe.

Ich freue mich auf Ihre Antwort.

Mit freundlichen Grüßen

O. S.

Meine Antwort:

Sehr geehrter Herr S.,

es ist fast unzumutbar, dass ich mich erst heute Ihrer interessanten Frage widme, welche Sie mir mit Ihrer Email gestellt hatten, nämlich der Frage, wie ich mit den schlechten Manieren meiner Umgebung umgehe, wenn ich selber eher ein Freund des guten Umgangs miteinander bin.

Das ist die Lust und die Last der Kultivierten: Sie freuen sich, gebildet, klug und sympathisch zu sein und müssen sich umso mehr ärgern, dass die wenigsten Mitmenschen diese guten Eigenschaften besitzen. Stolz und Ärger sind umso größer, je weiter der Abstand zwischen ihnen und der Mehrheit der anderen Zeitgenossen ist.

Was können Sie mit den Menschen Ihrer Umgebung machen? Wie können Sie diese überzeugen, dass das Leben mit guten Manieren mehr Spaß macht, möglicherweise erfolgreiche verläuft? Wen können Sie überhaupt überzeugen?

Die Antwort für die letzte Frage zuerst: Sie können die Mitglieder Ihrer Familie überzeugen, wenn Sie mit gutem Beispiel vorangehen, wenn Sie zu Ihrer Frau immer höflich sind, und wenn Ihre Kinder Sie als vorbildlichen, gerechten und anerkannten Erwachsenen wahrnehmen und wenn Sie ihnen Rahmen setzen, Konsequenz zeigen und wenn Sie ihre Familie vor allem als Tischgesellschaft begreifen. Das heißt, konsequent mindestens EIN gemeinsames Essen am Tag, bei dem es für niemanden eine Entschuldigung zum Fernbleiben gibt, bei welchem alle die einzelnen Mitglieder der Familie betreffenden Angelegenheiten besprochen werden, und bei welchen Sie die Maßstäbe von Sitte, Anstand und Moral setzen und - tolerant - deren Umsetzung kontrollieren.

Sie können selbstverständlich auch die Ihnen gegebenenfalls unterstellten Mitarbeiter überzeugen. Auch diesen gegenüber in erster Linie mit Ihrem guten Beispiel und der regelmäßigen Veranstaltung von internen Meetings auf denen Sie all‘ diese Fragen ansprechen und Antworten geben und Maßstäbe setzen für höfliches Verhalten und gute Manieren. Außerdem können Sie mit Ihren Mitarbeitern ein Inhouse-Seminar bei mir buchen, weil sie außenstehenden Trainern häufig besser zuhören und deren Ratschläge eher befolgen.

Der nächste Personenkreis, den Sie möglicherweise gerne überzeugen würden, ist Ihr Bekannten- und Freundeskreis. Da wird es schwieriger. Denn auf diesen Kreis haben Sie nur wenige Einflussmöglichkeiten. Aber auch hier können Sie als Vorbild Maßstäbe setzen, und vielleicht können Sie unter Ihren Freunden das Thema „Stil & Etikette“ einmal thematisieren.

Ich bin zum Beispiel vor geraumer Zeit von einem Wuppertaler Ehepaar gebeten worden, ein Seminar bei denen zuhause zu geben, zu welchem sie sich mit ihren 16 besten Freunden verabredet hatten. Die Gastgeberin hat ein wunderbares Abendessen vorbereitet, und ich habe - quasi als „Etikette-Moderator“ den ganzen festlichen Abend begleitet. Ich habe alles, was zu einer guten Abendgesellschaft gehört, kommentiert und mit den Gästen diskutiert, von der formvollendeten Einladung, wie man darauf reagiert, was man mitbringt, was man anzieht (nicht nur zu der Gelegenheit) wie der Ablauf einer Abendgesellschaft ist, ich habe zum Placement, zur Bedeutung von Tischdamen, über Tischreden und zu den Tischsitten gesprochen und den Umgang miteinander auf Reisen und im Büro erläutert - kurz, ein heiteres Seminar ohne trockenen Seminarcharakter durchgeführt.

Das lebt dann weiter fort; denn Ihre Freunde werden in Zukunft die besprochenen Artigkeiten ernster nehmen, insbesondere in diesem Kreis.

Eine Variante dieses privaten Inhouse-Seminars habe ich auch mal als Etikette-Moderator anlässlich eines Abendessens inszeniert, zu welchem ein in der Werbung tätiges Gastgeberehepaar seine Geschäftsfreunde (und mich) eingeladen hatte, mit ähnlichem Inhalt wie beschrieben, nur etwas weniger Stoff, etwas mehr „Moderation“ eben.

Meine wichtigste Empfehlung ist aber die: Seien Sie vor allem konsequent im eigenen Handeln. Lassen Sie sich nicht durch verrohte Sitten anderer herunterziehen. Das heißt nicht, dass Sie nicht auch mal auf dem Oktoberfest ein Hähnchen mit den Fingern essen können, das heißt vielmehr, dass man Sie niemals mit offenem Mund ohne die Hand davor gähnen sieht und dass Sie niemals sitzen bleiben, wenn eine Dame oder jemand Älteres das Zimmer betritt, in welchem Sie sich befinden, dass Sie niemals mit vollem Mund sprechen und nicht beim Essen mit Besteck in den Händen gestikulieren.

Uwe Fenner
Institut für Stil & Etikette
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Buch: “Erfolgreich mit Stil - Der Knigge für alle Lebenslagen” inkl. int. Business-Etikette: http://www.institut-fuer-stil-und-etikette.de/stil-shop/erfolgreich/
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