Stillose Berliner Republik

Juli 25, 2013

. . . unter dieser Rubrik schreibt die WELT-Redakteurin Dr. Hildegard Stausberg gelegentlich Kolumnen u.a. zu Themen, die irgendwie mit dem Ausland zu tun haben. Hildegard Stausberg war jahrelang bei der FAZ, sowohl in Frankfurt als Redakteurin für die Länder Südamerikas, als auch in verschiedenen südamerikanischen Ländern als Auslandskorrespondentin tätig, bevor sie zur Deutschen Welle wechselte, zuletzt als Chef für die Auslandsprogramme. Seit 1999 ist sie für die Tageszeitung DIE WELT tätig, zunächst in Berlin als Ressortleiterin Außenpolitik, seit 2001 als Diplomatische Korrespondentin von ihrer geliebten Heimatstadt Köln aus.

Hier ihre Kolumne in der Welt vom 22.7.2013:

Von Hildegard Stausberg

„Das Wetter spielte mit: kein Regen und wenig Hitze. Das machte das Manko ein bisschen wett, dass der französische Nationalfeiertag diesmal auf einen Sonntag fiel. Im politischen Berlin führte dies dazu, dass ein Teil derjenigen, für die das sonst ein Pflichttermin gewesen wäre, nicht dabei waren. Trotzdem füllten sich die Räume der modernen Botschaft am Pariser Platz plus Garten gut. Das Datum steht immer noch für eine geschichtsmächtige Einmaligkeit: die Erstürmung der Bastille 1789. Maurice Gourdault-Montagne, seit März 2011 Hausherr am Pariser Platz, verband deshalb in seiner in ausgezeichnetem Deutsch gehaltenen lauschigen Rede den “quatorze juillet” mit dem Fall der Mauer im November 1989: “Das ist in seiner welthistorischen Bedeutung das deutsche Pendant.” Merci beaucoup!

Erstaunt dürfte der eine oder andere ältere Gast gewesen sein, als der Botschafter nach der Marseillaise auch das Deutschlandlied anstimmte und mitsang. Das habe ich früher bei diversen Feiern auf Schloss Ernich, der alten Residenz der französischen Botschafter südlich von Bonn, nicht miterleben dürfen. Es wäre damals noch undenkbar gewesen.

Undenkbar wäre allerdings auch gewesen, dass Gäste mit offenem Hemd und ohne Krawatte zum offiziellen Empfang eines französischen Botschafters anlässlich des Nationalfeiertags gekommen wären. Aber diese Stillosigkeit setzt sich in der Berliner Republik immer mehr durch. Das ist an sich schon schrecklich genug. Aber bei den Germanen sind Steigerungen ja nicht nur denkbar, sondern die Regel. Und so gab es doch tatsächlich auch Männer (von Herren verbietet es sich da wohl zu sprechen), die in Jeans, Trikothemden und T-Shirts aufkreuzten, also in einem “Freizeitlook”. Erschwerend kommt hinzu, dass manche dieser Gestalten auch noch übergewichtig waren, sich unter den Hemdchen also auch diverse Speckrollen – nicht Röllchen – abzeichneten. Schrecklich.

Wie kann man so auf einen offiziellen Botschaftsempfang gehen, wo man doch eigentlich – aus gegebenem Anlass – zumindest passabel auftreten sollte. Von “bella figura” redet man in Berlin ja schon seit Langem nicht mehr. Merken diese Leute eigentlich nicht, wie absolut respektlos das alles ist? Ganz abgesehen davon, dass sie sich selbst miserabel präsentieren. So geht es nicht weiter. Wir brauchen in Berlin schleunigst eine Stildebatte.

Die Autorin ist Diplomatische Korrespondentin der “Welt”-Gruppe“

Zu dieser Kolumne habe ich einen Leserbrief an die Welt geschickt:

Leserbrief an DIE WELT forum@welt.de

Zum WELT-Artikel von Hildegard Stausberg: „Stillose Berliner Republik“   -  DIE WELT v. 22.7.2013

Liebe WELT-Redakteure,
es ist gut, dass sich ein Journalist, bzw. in diesem Falle eine schreibende Dame, dazu entschließt, den verlotterten Berliner Kleidungsstil hier einmal anzuprangern. Denn es ist keineswegs so, dass die Art sich zu kleiden jedem Menschen ja seine individuelle Note gibt, weswegen er sich keinerlei Zwängen unterwerfen sollte. Die Generalklausel des guten Umgangs mit den Mitmenschen ist: Jeder sollte sich seinen ihn umgebenden Mitmenschen gegenüber so verhalten, dass er letztere nicht durch beleidigende Worte, üble Gerüche, angsterregende Gesten oder unangenehme visuelle Erscheinung bepeinlicht. Das ist nicht Mainstream. Poltical Correctness auch nicht. Schon gar nicht die insbesondere seit den 68er Jahren immer wieder gepredigte Selbstverwirklichung  -  das peinliche, bequeme und egoistische Gegenteil von Respekt. Das höchste Gebot des guten Benehmen ist aber gerade der Respekt vor jedermann, auch vor der Klofrau und natürlich auch vor dem Französischen Botschafter und denjenigen Nationalfeiertagsgästen, die  -  um diesen zu ehren und der Würde des geschichtsträchtigen Ereignisses angemessen zu entsprechen  –  in angemessener Kleidung zum Empfang kommen. Das ist zumindest bei Herren ein Anzug oder eine Kombination mit Hemd und Krawatte, geschlossene Schuhe und Strümpfe.

Aber viele Berliner glauben vor allem an sich selber und sind der Meinung, dass das alles alte Zöpfe sind und dass man auch in wegen zu häufigen Tragens in Imbissbuden schon nach ranzigem Öl riechenden Shorts in Military-Tarn-Look kommen kann und dass Kleidung überhaupt nie eine Rolle spiele; Denn das, was Frau Dr. Stausberg in der Französischen Botschaft beobachtet hat, ereignet sich ja genau so beim Gartenfest des Bundespräsidenten. Aber bloß nicht solche Unarten kritisieren, denn diese Menschen haben vielleicht keinen Sakko zum anziehen, und daran soll doch ihre Freude am Nationalfeiertag nicht leiden. Es ist eben nicht nur die stillose Berliner Republik, es sind wir stillosen Menschen. Zeigen wir doch mal die vom Bundespräsidenten geforderte Zivilcourage: Sie würde darin bestehen, einen Wärter beim Eingang zu solch ehrwürdigen Gedenk-Veranstaltungen nicht nur als Gästelisten-Abhaker zu installieren, sondern diesen gleichzeitig vermerken zu lassen, wer in angemessener und wer in einer Kleidung erscheint, die eher für eine Radtour zum Badesee geeignet (und bestimmt) erscheint, damit Gäste, die dem Gastgeber und dem Gedenkereignis den Respekt verweigern, für die Zukunft aus der Gästeliste gestrichen werden.

Allerdings tragen die Veranstalter solch bedeutender Events auch eine Mitschuld. Es gibt nämlich (besonders in Berlin) inzwischen viele, die gar nicht mehr wissen noch empfinden, wie respektlos sie sich allein schon wegen ihrer Kleidung verhalten. Wenn sie dann noch seine Exzellenz den Botschafter mit der linken Hand in der Hosentasche begrüßen . . . . . au weia. Deswegen rate ich, auf die Einladung eine Kleidungsempfehlung, hier zum Beispiel etwa „Dunkler Anzug“ oder „Straßenanzug“ zu vermerken.

Liebe Redakteure der WELT, nehmen Sie sich ein Beispiel an Hildegard Stausberg und verhelfen auch der Berliner Republik wieder zu mehr Stil!

Uwe Fenner ist Jurist, Immobilienmakler, Stilexperte und Buchautor, u.a. „Erfolgreich mit Stil  -  Der Knigge für alle Lebenslagen“, Linde Verlag, Wien.

Mit freundlichen Grüßen,

Uwe Fenner

Abathon Knigge & Karriere GmbH