Übertitel im Opernhaus - pro & contra

Oktober 24, 2008

Ich habe am 22. Oktober spätabends an die Direktion eines berühmten deutschen Opernhauses geschrieben:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte am Sonntag, den 2. November 2008, um 19 Uhr zu 3 Personen in Euryanthe, die Oper von Carl-Maria von Weber, gehen. Ich möchte aber nur noch in Opernaufführungen mit Übertiteln gehen, gleichviel, in welcher Sprache gesungen wird. Denn man versteht sowieso nie die Texte, egal, in welcher Sprache gesungen wird. Und um die Oper, auch die Musik, richtig zu verstehen, ist das Libretto wichtig. Ich möchte in jeder Phase jeden gesungenen Gedanken mitbekommen.

Deshalb meine Frage: Werden bei dieser Aufführung am Sonntagabend, den 2. November 2008, Übertitel über die Bühne geblendet?

Vielen Dank für Ihre Antwort

Uwe Fenner

Sehr prompt kam am 23. Oktober in der Frühe schon die sehr freundliche Antwort der Chefdramaturgin (!):

Betreff: RE: Übertitel?

Sehr geehrter Herr Fenner,

für “Euryanthe” bieten wir keine Übertitel an - es gibt etliche originalsprachige Werke, deren Wirkung durch Übertitel entschieden beeinträchtigt werden können. Dazu zählt “Euryanthe” - der Text, als Übertitel lesbar, lässt hochdramatische Vorgänge schnell ins Lächerliche abgleiten. Sie finden jedoch das Libretto im Programmheft.

Vielleicht entscheiden Sie sich doch für einen Opernbesuch? “Euryanthe” ist ein interessantes und tief berührendes Werk. Das darf ich mir deshalb erlauben zu sagen, weil diese Inszenierung nicht im Pro und Kontra der Meinungen steht. Ein äußerst seltener Fall!

Mit freundlichen Grüßen

Professor I. R.

Chefdramaturgin

Meine Antwort wenig später:

Sehr verehrte Frau Professor R.,

es freut und ehrt mich, dass Sie selber zur Beantwortung meiner profanen Frage “zur Feder gegriffen” haben! Vielen herzlichen Dank!

Dann darf ich diese Gelegenheit nutzen, um Ihnen meine Auffassung zu der Frage Übertitel als Durchschnittszuschauer zu sagen. Nicht im Geringsten, um Sie etwa zu belehren. Im Gegenteil, Sie haben von diesen Dingen viel mehr Ahnung als ich.

Nur weiß ich nicht, wie oft Sie Gelegenheit haben, die Auffassung des ganz gewöhnlichen mäßig gebildeten Opernfreundes zu hören.

Diejenigen Opernfreunde, die Sie kennen, sind doch eher vertraut mit den gängigen Stücken, die auf der Welt in Opernhäusern zu Gehör und Gesicht gebracht werden.

Und wenn es mal eine ansonsten seltener aufgeführte Oper gibt, wie “Euryanthe” das zu sein scheint (sie bemerken meine Laienhaftigkeit), so nehmen das die “wahren” Opernfreunde, Ihr gebildeter “Fanclub” gerne hin und liest sich das Libretto vorher durch, vielleicht sogar zweimal.

Zurück zu mir als Durchschnittszuschauer. Ich kaufe für einen Euro den Besetzungszettel und hoffe, dort noch eine Halbseiten-Inhaltsangabe zu finden, die ich eben noch zwischen Opernhausbestaunen und Bekanntebegrüßen in meiner Reihe stehend  mir “reinzuziehen” vermag.

Natürlich, Sie können jetzt sagen: “selber schuld!” Aber: spielen Sie Oper für die Vorbildlichen, für die fleißigen Rentner (nur die haben dafür eventuell Zeit), die sich vorher (während der Aufführung nützt das gedruckte Libretto nichts!) das Programmheft besorgen und sorgfältig studieren, und für Musikstudenten und –Pädagogen und andere Fachleute, die die vielleicht 500 bis 1.000 gängigen Opern, die gespielt werden, mitsingen können?

Mein 923-seitiges Opernlexikon widmet der „Euryanthe“ einen angemessenen Platz: Zwei Seiten, reich bebildert, also etwa eine Seite Text. That’s all.

Aber auch dort steht:

„Erst Ende der 80er Jahre machten hervorragende Inszenierungen,  . . .deutlich,  dass die Oper Euryanthe mehr ist als nur gute Musik zu einem schlechten Libretto, dass der Text eine sowohl äußere als auch innere Welt präsentiert und die Handlung psychologisch glaubwürdig ist.“

Und weiter;

„Meisterhaft kommt das Prinzip musiktheatralischer Doppelbödigkeit zur Anwendung. Wenn die Handelnden sich noch in Sicherheit oder Glück wähnen, erzählt die Musik schon von drohender Gefahr.“

(Opera, Könemann Köln 1999, S.841)

Wie soll ich das ohne eingeblendeten Text mitempfinden können? Nehmen Sie nicht dem Durchschnittszuschauer einen großen Teil seines Kunstgenusses?

Sehr verehrte Frau Professor,

ich möchte Sie nicht veranlassen, sich erneut Arbeit zu machen und mir Ihre mit Sicherheit sehr kompetente Antwort zu unterbreiten. Das Einzige, was ich mit meinen Ausführungen möchte, ist Ihnen eine Stimme der - so glaube ich - „schweigenden Mehrheit“ übermitteln.

Und meine persönliche Konsequenz: Obwohl ich so manche Oper schon fünf- oder gar zehnmal gesehen habe, gehe ich in keine Aufführung mehr ohne Übertitel. Denn mein Kunstgenuss beträgt dann nur etwa 40 Prozent.

Deswegen sehen Sie es mir als einem durchschnittsgebildeten Durchschnittsbesucher bitte nach, wenn ich mir den 40-Prozent-Genuss von „Euryanthe“ entgehen lasse.

Jedenfalls bin ich wieder dabei, wenn es Übertitel gibt.

In diesem Sinne grüße ich Sie - Ihnen dankend und viel Erfolg wünschend - herzlich und mit verbindlichen Empfehlungen,

Uwe Fenner

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