Herr B.M. schrieb:
Sehr geehrter Herr Fenner,
eine Frage habe ich zum Thema Hut und hoffe, dass Sie das nicht schon mal thematisiert hatten und ich es übersah.
Wenn man einen Hut trägt und diese Jahreszeit bietet theoretisch Gelegenheit, nimmt man diesen ab, bevor man in geschlossene
Räume geht. Oder wenn man jemanden die Hand zum Gruße reicht.Jedoch dürfte das nach lange nicht alles sein, oder?
Haben Sie hierzu etwas?
Viele Grüße und eine schöne Weihnachtszeit sowie einen erfolgreichen Start für 2007
B. M.
P.S.: Vielen Dank für ihre Literaturtipps die Kleidung betreffend, das Buch der “Gentleman” war eine äußerst interessante Lektüre.
Meine Antwort:
Sehr geehrter Herr M.,
der Hut ist glaub’ ich hier noch nicht behandelt worden.
Letztlich erfreut er sich nur noch geringer Beliebtheit. Eigenartigerweise haben diejenigen, die ihn immer als spießig abgetan haben, sich längst selber eine Einheitskopfbedeckung erkoren: das Baseballcap.
Diese Kopfbedeckung scheint sich in den Gedanken der Träger schon deshalb der Spießigkeit zu entziehen, weil sie aus den Vereinigten Staaten zu uns herübergekommen ist. Zwar sind die USA in den Augen der meisten Baseballcap-Träger und insbesondere ihr immerhin zweimal mit großer Mehrheit gewählte Präsident geradezu die Inkarnation von Dummheit und Spießigkeit, aber Moden, die von dort kommen, sind eben nicht spießig, basta!
Die Ironie ist gewollt; denn wenn ich im vergangenen Sommer viele Baseballcap-Träger mit Shorts, grauenhaften „Flip-Flops“ und T-Shirt durch die Straßen gehen sah, dann wollte die wärmende Kopfbedeckung eigentlich nicht so recht passen. Sie dann - und beispielsweise auch in geschlossenen Räumen - zu tragen, das ist für meine Begriffe der Inbegriff des Spießertums und außerdem höchst niveaulos.
Denn, um die wichtigste Frage von Ihnen gleich zu beantworten:
Die Kopfbedeckung gehört bei Personen männlichen Geschlechts jedenfalls im christlichen Teil Europas, Amerikas und Australiens in geschlossenen Räumen nicht auf den Kopf.
Ausnahmen sind eigentlich nur Arbeitsschutzhelme, wenn sie im Gebäude als Arbeitsschutzmaßnahme geboten sind, dass ist ja klar.
Sonst gilt diese einfache Regel für alle Kopfbedeckungen, auch wenn sich das bei vielen Baseballcap-Trägern noch nicht rumgesprochen hat.
In früheren Zeiten unterschieden sich die Angehörigen der verschiedenen Stände, Adlige, Bürger und Bauern nach der Art ihrer Kleidung. Mit der Kleidung ordnete der Mensch seinen Platz im bürgerlichen Leben ein.
In Deutschland wurde es etwa im 10. Jahrhundert Brauch, eine Kopfbedeckung zu tragen, später, im 12. und 13. Jahrhundert, trug man hierzulande sehr verschiedene Kappen und Hüte,
und ab dem 14. Jahrhundert machten auch die Franzosen den Hut populär. Der Hut wurde zu einem in ganz Europa beliebten Accessoire der Kleidung und kennzeichnete den höheren gesellschaftlichen Status:
Nur Abkömmlinge aus dem Adel durften geschmückte Hüte bzw. Kappen aus edlem Material tragen.
Das Aussehen des Hutes hat sich im Laufe der Zeiten immer wieder gewandelt. Aber seine Rolle hat sich nie in seiner Nützlichkeitsfunktion als Kopfwärmer erschöpft. Der Hut diente immer als Krone des Hauptes. Er schützt nicht nur vor kalter und warmer Witterung und vor Sonne und Schnee, sondern verleiht dem Träger Stil und sendet der Außenwelt eine Botschaft.
Wenn eine Dame einen Hut trägt, so lässt das verschieden Interpretationen zu:
Zu einem freudigen Ereignis, einer Hochzeit oder dem Bummel durch die Stadt möchte sie sich eher zeigen, Aufmerksamkeit erregen, ihre Eleganz betonen. Zu einem traurigen Ereignis will sie mit dem Hut, vielleicht sogar mit einem netzartigen Schleier, eher ihr möglicherweise von Trauer gekennzeichnetes Gesicht nur verschwommen sichtbar werden lassen.
Der Hut ist inzwischen zu einer Ergänzung der Kleidung avanciert, die man im Alltag nicht unbedingt benötigt, aber gerade dann, wenn man einen Hut trägt, sendet man eine zusätzliche Information über sich aus. Der Hut ist das Accessoire, das als Botschaft am wirksamsten vermittelt, was der Träger und die Trägerin der Umgebung mitteilen wollen. Durch das Material, die Form, die Farbe und den Schmuck des Hutes kann sich eine Frau in eine Sexgöttin, eine mystische Fee, einen bohêmehaften Teenager, eine Abenteurerin, eine romantisch Verträumte, eine elegante Dame oder eine rätselhafte, geheimnisvolle Frau verwandeln.
Beim Herrn ist diese Funktion des Hutes nur in sehr eingeschränkter Form stilbildend.
Ein Herr, der in Deutschland mit einem Zylinder über die Straße geht, wird sich eher lächerlich machen, als die Wirkung seiner Würde zu erhöhen. Den Zylinder sieht man selbst auf Beerdigungen nicht mehr. Er wird eigentlich nur noch - in grauer Farbe - beim Pferderennen in Ascot von stilbewussten Engländern mit selbstverständlicher Würde
zum gleichfarbigen Cutaway getragen.
Der Zylinder war noch bis zum Ende der 50er Jahre in Deutschland die klassische Ergänzung zum Frack und zum Cutaway. Während der feine Herr zum Cutaway, dem klassischen offiziellen Morgenanzug, den steifen, nicht zusammenklappbaren Bieberhut trug, also den Zylinder der mit schwarzem Bieberfell umlegt war, trug er zur abendlichen Premiere zum Frack den Chapeau claque, den schwarzen seidenbespannten Zylinder zum Zusammenklappen.
Später wurde der Zylinder vielfach durch den sogenannten „steifen Hut“ ersetzt, den die Engländer „Bowler“ nennen. Diesen gab es in den Farben schwarz und grau. Auch den Bowler sieht man heute eigentlich nur noch im Kabarett.
Der runde Bowler Hat wurde durch den „Homburg“ abgelöst, ebenfalls einen steifen Hut, der aber schon die seitlichen Innenbeulen und die Innenbeule auf der oberen Hutrundung ufweist,
dennoch - insofern ähnlich, wie der Bowler - eine steife, ringsum nach obengewendete Krempe besitzt.
Auch den Homburg kann man heute nur noch sehr vereinzelt und meist auch nur bei sehr alten vornehmen Herren entdecken.
Doch zurück zu der Frage, wann man nun einen Hut vom Kopfe nimmt.
Generell gilt, die Dame muss es fast nie, es sei denn, sie hat den Hut als Kälteschutz aufgesetzt und geht in einen Raum, in welchem man ausführlich - etwa zu einem längeren Dîner - sitzt. Dann legt auch die Dame ihren Hut ab und lässt ihn in der Garderobe hängen.
Zu Stehpartys dagegen, zu Empfängen, zu Soirées, die durchaus auch im Raume stattfinden,
zu Gottesdiensten, zum Beispiel bei Hochzeiten, wahlweise auch zum eher nicht stundenlangen Kaffee und zum Kurzbesuch bei Bekannten, darf, muss aber der Damenhut keineswegs, den Kopf der Damen weiter zieren.
Während der Herr seinen Hut in geschlossenen Räumen grundsätzlich vom Kopfe nimmt,
tut das die Dame nur in den erwähnten Fällen, wenn sie es möchte.
Nur bestimmte Religionen, vor allem die jüdische, schreiben dem Herrn in der Kirche eine Kopfbedeckung vor. In christlichen Kreisen ist es gerade umgekehrt. Selbst beim Gebet im Freien, etwa auf dem Friedhof, nimmt der kultivierte Herr seinen Hut ab, wenn es sich um eine christliche Andacht handelt.
Betritt der Herr einen geschlossenen Raum, wird der Hut sofort gelüftet und bleibt so lange vom Kopf, bis der Hutträger wieder im Freien steht.
Und auch im Freien lüftet der feine Herr seinen Hut, sobald er jemanden grüßt. Diese Geste bedeutet Respekt vor dem anderen und wird unabhängig davon gezeigt, ob der andere nur mit einem leichten Kopfnicken, also ohne Handschlag begrüßt wird, oder ob die beiden Grüßenden stehen bleiben und sich die Hand geben.
Differenzierter wird diese Höflichkeitsgeste bei Mützen gehandhabt. Der kultivierte Mann behandelt eine Schirmmütze, dazu gehört natürlich auch ein Baseballcap, genau so, wie einen Hut.
Aber auch diese Regel enthält eine wichtige Ausnahme:
Diese gilt für Träger von Uniformen. Der Uniformträger, also zum Beispiel der Offizier oder der Polizist oder der Pilot (falls dieser überhaupt eine Mütze trägt), behält seine Mütze beim Grüßen immer auf dem Kopf.
Uniformträger nehmen ihre Mütze allerdings auch beim Betreten eines Raumes ab, wie die männlichen Hutträger.
Korporationsstudenten halten es - je nach Vornehmheit ihres Bundes - mit ihren farbenfrohen Studentenmützen unterschiedlich.
Ausgenommen von jeglichem Abnehmzwang sind Träger von Pudelmützen, Baskenmützen, Skimützen und ähnlichen Kopfbedeckungen ohne Schirm und Krempe außerhalb von geschlossenen Räumen, und ausgenommen ist auch auch die Kippah der Juden. Diese kann von männlichen Juden immer getragen werden, auch jüdische Damen dürfen sie tragen. Und sie wird besonders gerade in den Fällen getragen, in denen Christen eher ihren Hut abnehmen:
In der Kirche (Synagoge) und beim Gebet, etwa vor dem Essen, und natürlich auf dem Friedhof. Denn die Kippah (Plural: Kippot) vermittelt gerade die Verbindung des Menschen mit Gott.
Fazit:
Der feine Mann macht nichts falsch, wenn er im Zweifel den Hut abnimmt.
Ihr
Herzlichst,
Ihr Uwe Fenner - http://www.fenner.de
Uwe Fenner
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