Was ist festliche Kleidung

Oktober 4, 2006

Frau E. B. schrieb als Grund für ihren Beitritt zur OpenBC - Gruppe „Stil und Etikette“:

Im Dezember bin ich auf einer Jubiläumsfeier eines großen Unternehmens eingeladen. Auf der Einladung steht “festliche Kleidung” - ich finde das ist ein weitgefasster Begriff, aber ist das wirklich so? Von der Gruppe erhoffe ich mir nützlichen und ehrlichen Rat!

Meine Antwort:

Sehr verehrte Frau B.,

es ist eine gute Sitte, schriftliche Einladungen mit einem Dresscode zu versehen. Meistens steht der Vermerk zum Dresscode unten links oder rechts unter der Bitte um Antwort. Die Aufforderung zur Zu- oder Absage wird in Deutschland in der Regel mit „U.A.w.g.“ ( = „Um Antwort wird gebeten“) oder, an die feinen französischen Ausdrücke, die man früher benutzte, angelehnt, mit „R.S.V.P..“ ( = Repondez s’il vous plait“) abgekürzt. In England und Amerike schreibt man „please reply“.

Unter dieser Aufforderung zur Rückantwort ist häufig die Kleider-Empfehlung vermerkt, z.B. „Smoking“ (englisch: „Black Tie“ = schwarze Fliege, die nur zum Smoking getragen wird).

Die Kleidervorschrift bezieht sich in der Regel nur auf die Kleidung des Herrn. Die Dame weiß, was dazu passt. Auch wenn eine (alleinstehende) Dame alleine eingeladen wird, steht auf Ihrer Einladung als Dresscode die Kleidervorschrift für den Herrn. Vereinzelt kann man auch Kleiderempfehlungen lesen, die sich auf beide Geschlechter beziehen, etwa: „Frack / Smoking, langes Kleid“, doch wird dieser ergänzende Hinweis für die Damen eher als spießig empfunden, weil die Dame von Welt weiß, was für ein Kleid zu einem Ball getragen wird, auf welchem die Herren in Frack und Smoking erscheinen.

Kluge Gastgeber machen dann eindeutige Vorschriften, wenn sie von ihren Gästen erwarten zu können glauben, dass sie das vorgeschriebene Kleidungsstück auch besitzen. Ein höflicher Gastgeber treibt nicht seine Gäste vorher noch zum Schneider. Oder ins Konfektionsgeschäft. Wenn er zum Beispiel zum privaten Abendessen mit der Kleidervorschrift „Blazer oder dunkler Anzug“ einlädt, weiß er, dass jeder männliche Gast entweder einen dunklen Anzug oder einen Blazer (meist dunkelblau, dazu trägt man eine graue Hose) oder beides besitzt und dass die Damen zu diesen Kleidungsstücken der Herren passende Kleider, Kostüme oder Hosenanzüge ihr Eigen nennen.

Zur sehr offiziellen Morgenhochzeit (kirchliche Trauung vor 15 Uhr) lautet die Kleiderempfehlung häufig „Cutaway oder dunkler Anzug“, was natürlich den aus der Mode geratenen „Kleinen Stresemann“, also die Kombination aus schwarzem einreihigen Jackett, grau-schwarz (fein-fischgrät) gestreifter Hose und silbergrauer Weste, mit einschließt. Zum abendlichen Hochzeits-Dîner müssen sich die Gäste dann freilich noch einmal umziehen; denn Cutaway und Stresemann „vertragen kein künstliches Licht“, mit anderen Worten, diese Anzüge werden nur bis maximal 18 Uhr getragen (ähnlich wie im Alltag braune Schuhe).

Zur Abendhochzeit (kirchliche Trauung ab 15 Uhr) lautet der Dresscode in vornehmen Hochzeitsgesellschaften „Frack / Smoking oder dunkler Anzug“. Das heißt auf Hochzeiten, die mit der kirchlichen Trauung erst am Nachmittag beginnen, wird schon die abendliche Festkleidung getragen, wobei die Damen allerdings ihre Schultern und Dekolletées in der Kirche zu verhüllen pflegen.

Auf großen Bällen ist die Kleidervorschrift „Frack / Smoking“ oder auch „Frack / Smoking / dunkler Anzug“. Es gibt nur sehr wenige Bälle - ich kenne es nur von den großen Wiener Bällen in der Hofburg, zu denen nur Herren im Frack und Damen mit langen Ballkleidern zugelassen werden.

Allerdings gibt es häufig Situationen - das trifft vor allem auf Events zu, die von Unternehmen und anderen Institutionen ausgerichtet werden, bei denen der Veranstalter sich eine sehr festliche Kleidung wünscht, ihre eingeladenen Gäste, vor allem diejenigen, die nicht so einen riesigen Kleiderschrank unterhalten, aber nicht mit einer Kleidervorschrift die Laune verderben möchten, die diese nicht erfüllen können. Es ist häufig eine liebenswürdige Rücksichtnahme der Gastgeber auf ihre Gäste, dass sie den Dresscode nicht so genau festlegen, wie in meinen oben angezeigten Beispielen.

Sie schreiben dann nicht zu privaten Einladungen nach Hause „Kombination“, was vielleicht - jedenfalls in etwa - dem aus dem Amerikanischen kommenden Dresscode „smart casual“ am nächsten kommt. „Smart casual“ hat sich in den letzten Jahren auch in Deutschland gerade für private Dinners oder überhaupt zu Privat-Partys sehr stark durchgesetzt. Eigentlich heißt casual „nicht wie im Geschäft/Beruf“. Da auf diese Anordnung die Gäste vielfach in alten Jeans und mit T-Shirt kamen, ist zu solchen Anlässen, zu welchen der Gastgeber seine Gäste zwar sehr gepflegt, aber lässig sehen möchte, der Dresscode „smart casual“ üblich geworden. „Smart casual“ bedeutet zum Beispiel, der Herr kommt in einem lässigen, aber durchaus teueren Anzug, vielleicht einem Seiden- oder Baumwollanzug, oder in einer Kombination aus wirklich guten Jeans und einem Blazer. Er trägt dazu niemals eine Krawatte, aber auch kein T-Shirt, sondern ein gutes Hemd oder ein Polohemd.

Am Abend dabei grundsätzlich schwarze Schuhe und einen schwarzen Gürtel.

Um auf die Firmenfeste oder auch Firmen-Events zurück zu kommen. Hier würde sich sicher mancher Mitarbeiter beschweren, wenn er einen genauen Dresscode vorgeschrieben bekäme. Auch manchen eingeladenen Kunden könnte es nicht recht sein, einen eindeutigen Dresscode (z.B. „Smoking“) vorgeschrieben zu bekommen, wenn er dieses Kleidungsstück nicht besitzt. Deshalb machen diese Gastgeber zu solcherlei Veranstaltungen mit Recht oft nur tendenziöse Kleidervorschriften, wie zum Beispiel „Festliche Kleidung“.

Damit überlässt der Gastgeber dem Gast, was er und sie anziehen wollen. Er legt nur die Tendenz fest: Die Kleidung soll festlich sein. Kein „Blaumann“, keine Jeans, keine sportlichen Kombinationen, sondern festliche Anzüge, wie Smoking oder ein festlicher dunkler Anzug, und ein dazu passendes Kleid, halblang vielleicht, vielleicht etwas kürzer oder ein schicker dunkler Hosenanzug, oder ein langer Rock mit einem aufwendig bestickten oder aus sehr edlem Material gefertigten Oberteil - all das ist unter „festliche Kleidung“ zu subsummieren.

Gewiss, ganz leicht macht es der Veranstalter dem Gast mit dieser „offenen“ Kleidervorschrift nicht. Denn der Gast, der nicht auffallen möchte, wird sich genau überlegen, ob er wirklich seinen Smoking aus dem Schrank holt, wenn er einen besitzt, oder ob er nicht befürchten muss, am Ende der einzige oder zumindest einer der wenigen im Smoking zu sein.

Am besten, man fragt bei der Chefsekretärin nach: „Was wird Ihr Chef wohl anziehen zu dem Firmen-Event?“. Gute Sekretärinnen wissen so etwas, oder sie finden es heraus. Wenn die Antwort ist, „er wird einen Smoking tragen“, empfehle ich denen, die solch ein Kleidungsstück besitzen, ebenfalls im Smoking zu kommen. Denn der Chef freut sich auch, wenn er nicht der einzige Smokingträger ist. Wird der Anfrager mit der Antwort „dunkler Anzug“ beschieden, würde ich mich ebenfalls danach richten. Denn es ist nicht gut, im Verhältnis zum Chef overdressed zu erscheinen. Als Kunde kann man freilich machen, was man will. Im Zweifel chic, ist hier die Devise. „Kleider machen Leute“. Das wusste schon Gottfried Keller. Diese Sentenz gilt im Kunden-Unternehmens-Verhältnis allemal.

Am besten überlegt man sich das alles ganz genau bei einer Tasse Lavazza Blue.

Herzlichst , Ihr Uwe Fenner - http://www.fenner.de -