Herr U. v. O. schrieb mir am 6. Juli 2008:
Sehr geehrter Herr Fenner,
bei privaten Einladungen kommt es vor, dass nach der Vorspeise kein sauberes Besteck nachgelegt wird. Wohin mit der benutzten Gabel und dem benutzten Messer nach dem Abräumen des Vorspeisen-Tellers bis zum Hauptgang?
Gern höre ich von Ihnen,
Ihr
U. v. O.
Meine Antwort am 9. Juli 2008
Sehr geehrter Herr v. O.,
Ihr Problem ähnelt im Kern vielen, vielen Fragen nach der angemessenen Reaktion, wenn sich ein anderer - in diesem Falle der Gastgeber - nicht stilgerecht verhält.
Was macht man zum Beispiel, wenn man als Älterer oder als Dame jemanden grüßen will, der im Sessel sitzt und nicht (wie es sich gehört) aufsteht, wenn man ihm die Hand geben will? Die Antwort ist: gar nichts macht man, man improvisiert, sieht darüber hinweg und lächelt.
So auch hier: Es würde sich für den Gastgeber eines Essens, welches aus mehreren Gängen besteht, geziemen, von vornherein neben dem Tafelbesteck noch ein Vorspeisenbesteck einzudecken. Es liegen links vom Teller eine große Gabel unmittelbar am Teller, links daneben, also außen, eine kleine Gabel für die Vorspeise. Entsprechend liegen rechts vom Teller unmittelbar neben diesem ein großes Tafelmesser für den Hauptgang und rechts daneben, also wieder außen, ein kleines Vorspeisen- oder Frühstücksmesser.
Nach freudiger Vertilgung der Vorspeise werden der entsprechende Teller mitsamt dem darauf in Zehn-vor-fünf-Diagonalschräglage parallel liegenden Besteck (kleines Messer, kleine Gabel) abgeräumt.
In Ihrem Beispiel hat die Hausfrau Ihnen vermutlich beim Abräumen der benutzten Vorspeisenteller zugerufen: „Bitte, behaltet das Besteck für den Braten!“, oder was auch immer als Hauptgang folgte. Das kommt vor. So ist das wahre Leben. Da darf man nicht den Gastgeber darauf hinweisen, dass das eigentlich nicht geht. Das weiß er meistens selber. Entweder er hat nicht genügend Besteck oder er will die Spülmaschine und seinen Wasser- und Stromverbrauch schonen. Eigentlich sollte er in diesem Fall Messerbänkchen decken.
Dann wäre das Problem keines mehr. Dann hätte jeder dafür Verständnis, würde Messer und Gabel mit den Spitzen auf diese hürdenartigen Bänkchen legen und alles wäre gut. Kein schmutziges Tischtuch durch Ablegen der gebrauchten Esswerkzeuge, keine Bestecke in der Hand während des Wartens auf den nächsten Gang, kein heimliches Ablecken der gebrauchten Gabel (oder gar des Messers, wie furchtbar!), alles wäre schön.
Aber es wäre nicht fein, den Gastgeber groß darauf hinzuweisen, dass man entweder doppeltes Besteck oder Messerbänkchen decken sollte. Wenn an beidem gespart wurde, dann hilft nur eines: Contenance! Vielleicht hat der Gastgeber auch keine Stoff- sondern nur Papierservietten bereitgelegt. Dann könnte man diese zum Schutz unter das gebrauche Besteck legen und sie anschließend auf dem Schoß so falten, dass sie nicht die eigenen Hose schmutzig macht. Vielleicht steht auch ein kleines Tellerchen an jedem Platz, welches für das Brot und die Butter gedacht ist. Dann kann man das gebrauchte Besteck dort „parken“.
Nur wenn es sich beim Gastgeber um einen wirklich echten Freund handelt, sollte man ihm als Dank für das Essen einen Satz Messerbänkchen schenken.
Herzlichst,
Ihr
Uwe Fenner
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